| Vergessen in Argentinien und Deutschland: |
Hermann und Felix Weil |
| Pioniere des Getreidehandels und der Wissenschaft |
| Argentinisches
Tageblatt, 29. April 1989 Zeitungsausschnitt übergeben an die RSW von Herrn Wilhelm Bauer, Sinsheim, Okt. 2000 |
| Die jüdische
Familie Weil, welche aufgrund eigenen wirtschaftlichen Strebens und dann unter der Gefahr des Lebens in der Nazizeit heute über die halbe Welt verstreut ist, entstammt seit dem 18. Jahrhundert dem badischen Ort Steinsfurt. Hermann Weil (1868-1927) war das Zehnte von dreizehn Kindern des Getreidehändlers Josef Weil (1823-1887) und seiner Frau Fanny, geb. Götter (1824-1914). Als außerordentlich für die damalige Zeit galt, dass Hermann im nahegelegenen Sinsheim die Lateinschule besuchen durfte, jedoch nicht bis zum Einjährigen Examen, denn der Vater sah aufs Praktische und steckte ihn 1883 in die Mannheimer Getreidehandelsfirma Isidor Weismann & Co in die Lehre. Mannheim war in jener Zeit der bedeutendste Binnenhafen Europas und ein Handelsplatz für Getreide. Von der Mannheimer Produktenbörse aus wurden Osteuropa und der Balkan für den Getreidehandel erschlossen und die Beziehungen zu den Lieferländern in Übersee geknüpft. |
Weil Hermanos & Cia |
Die
Lehrzeit verlief außerordentlich erfolgreich: Hermann Weil wurde mit 18 |
Rückkehr nach Deutschland |
| Die Jahre 1907/08
brachten für die Famlie einschneidende Veränderungen. Sohn Felix wurde nach Frankfurt am Main geschickt, damit er am dortigen Goethe-Gymnasium eine solide humanistische Ausbildung erhielt. Die Firma wurde in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und die Ehepaare Hermann und Ferdinand Weil kehrten nach Deutschland zurück und liessen sich ebenfalls in Frankfurt nieder. Bruder Samuel Weil führte in Buenes Aires die Geschäfte weiter. Die Rückkehr von Hermann und Rosa Weil hatte so triftige wie traurige Gründe. Hermann war schwer erkrankt und suchte (vergebens) Heilung bei Professor Ehrlich. Rosa starb 1913 an Krebs. Im selben Jahr war endlich die Villa in der Zeppelinallee 77 fertiggestellt (sie hat den 2. Weltkrieg überlebt). Dort entfaltete der schwer kranke Hermann Weil eine rege Beratertätigkeit sowie vor allem ein ausgedehntes mäzenatisches Wirken. Zunächst war er bei Kriegsausbruch Ratgeber für das Kieler Institut für Weltwirtschaft, sodann für den Admiralsstab, um schliesslich von 1917 bis 1918 Berichterstatter für Kaiser Wilhelm II zu werden, der ihn und seinen Sohn am 26. August 1917 in Bad Kreuznach zu einer Audienz empfing. Für die Unbefangenheit des deutsch-argentinischen Kaufmannes spricht eine Begebenheit, die sein Sohn überliefert hat: "Nach dem Essen, bei dem mein Vater rechts neben dem Kaiser sass, begaben sich alle in einen Nebenraum, wo sich solange der Kaiser noch stand" niemand hinsetzte, d.h. niemand ausser meinem Vater. Der Hofmarschall, Freiherr von Reischach, tuschelte darauf mit dem Kaiser und kam dann zu uns, beugte sich herunter und flüsterte: "Seine Majestät gestattet Ihnen, sich zu setzen", worauf mein Vater erstaunt zurückfragte. "Wieso denn, ich sitz' doch schon! " Zwei Tage später kam der Hofmarschall mit dem Angebot, die Weils in den erblichen Freiherrenstand zu erheben. Sie lehnten das Angebot ab, denn "Da waren zwei kleine Nebenbedingungen: Wir mussten Deutsche werden und uns protestantisch taufen lassen - und beiden wollten wir nicht." Die Geschäfte in Argentinien, das sich im Krieg für neutral erklärt hatte, liefen glänzend, so dass Hermann Weil über internationale Informationen und Beziehungen verfügte - und vor allem über die englische Rohstoffzufuhr unterrichtet war (über Kontakte in Holland und der Schweiz). Als der von ihm gewünschte "Sieg-Frieden" auch durch Einsatz der U-Boot-Waffe nicht mehr zu haben war (für den Wilhelm II. von England die Falkland-Inseln fordern wollte, um sie Weils zweitem Heimatland Argentinien zurückzugeben), wandte sich Weil nur noch seinen karitativen und mäzenatischen Tätigkeiten zu, vergass darüber aber das Geschäft nicht, sondern engagierte sich in neuen Bereichen wie dem Fleischhandel und der Grundstücksspekulation. Der unglückliche Kriegsausgang, seine immer hinfälliger werdende Gesundheit und das Elend der Nachkriegszeit beschäftigten ihn mit vielen Projekten: Er unterstützte u.a. junge Künstler, Waisenhäuser, Kriegsveteranen, jüdische Organisationen, verschiedene Fakultäten der Universität, den Mittagstisch armer Studenten (mit Ausnahme der Völkischen und Antisemiten) - und nicht zuletzt, zusammen mit seinem Sohn Felix, gründete er 1924 das 'Institut für Sozialforschung'. Dafür wurde ihm von der Universität der Ehrendoktor verliehen. Dieses Institut sollte später (1968) weltweit unter dem Namen 'Frankfurter Schule' bekannt werden. Aber auch sein Heimatort Steinsfurt erhielt eine Kochschule, und er selbst liess sich ein riesiges Mausoleum im benachbarten Waibstadt bauen, angrenzend an den jüdischen Friedhof, das, ebenso wie die Kochschule, noch erhalten ist. Dr. h.c. Hermann Weil starb am 3. Oktober 1927 - ohne jemals Argentinien wiedergesehen zu haben - hochgeehrt in Frankfurt. Über seine Person und sein Wirken gibt es bis heute keine Darstellung. |
Das Erbe |
| Nach dem Tod von
Samuel Weil im Jahre 1922 fehlten der Weltfirma die Erben, die das Geschäft als Familienunternehmen weiterführen würden. Der Sohn Sams Weils, Peter Weil, leitete die Firma, nachdem er sich aus dem Getreidehandel zurückgezogen hatte. Die Firma Safico widmete sich nun der Landwirtschaft und dem Grundstückshandel. Sie überlebte die Krise von 1929 daher mühelos. Ein Sohn Peter Weils, André Weil, leitet heute die Firma. Mit dem Jahr 1930 verschwand die 'Weil Hermanos & Cia' und damit ein Stück argentinischer Wirtschaftsgeschichte. Warum aber hatte der eigentliche Haupterbe, Felix José Weil, kein Interesse, die väterliche Firma weiterzuführen? Während seiner Studienzeit in Tübingen und Frankfurt war er in enge Berührung mit sozialistischen bzw. kommunistischen Ideen gekommen, was sogar zu seiner Ausweisung wegen kommunistischer Umtriebe 1919 in Württemberg führte. Nachdem er im Jahre 1920 in Frankfurt seinen Doktor in Nationalökonomie (Thema: 'Sozialisierung') gemachte hatte, unternahm er mit seiner frisch angetrauten Ehefrau Käthe Bachert eine einjährige Reise nach Argentinien. Er verfolgte damit zwei Ziele: Zum einen will er Land und Leute kennenlernen, insbesondere die Arbeitschaft; zum anderen will er seinem Vater einen Gefallen erweisen und sich um die Familiengeschäfte kümmern. Über seine politische Arbeit schreibt er: "Ich wusste, dass es darauf ankam, zu erfahren, inwieweit die kommunistische Partei Argentiniens vom Syndikalismus und Anarchismus angekränkelt war, wie das bei süd- amerikanischen Parteien nur allzuoft der Fall war. Ich machte es mir also zur Aufgabe, nicht nur Unterredungen mit den Führern zu haben, sondern auch ganz systematisch Arbeiterversammlungen aller Parteien zu besuchen. Einzigartig dabei war die Tatsache, dass die sozialistische und die kommunistische Partei von zwei Brüdern geführt wurden, Rodolfo und Orestes Ghioldi, die werktags spinnefeind zueinander waren und kein Wort wechselten, wenn sie sich trafen, aber sonntags bei der alten Mutter liebende Söhne waren, die die Alte nichts von ihren Differenzen merken liess." Aus dem gesammelten Material entstand 1923 die Schrift "Die Arbeiterbewegung in Argentinien". Was den Getreidehandel betrag, so hatte Felix Weil "bald nach der Ankunft in Argentinien entdeckt, dass ich nicht zum Kaufmann prädestiniert war. Mit anderen Worten: Ich hatte keine 'Nase' für Markbewegungen, so dass mir gerade das fehlte, was meinen Vater so reich gemacht hatte. Auf der Börse herumstehen, langweilte mich. Ich habe nie in meinem Leben ein Kilo Getreide selber verkauft oder gekauft. Das überliess ich denen, die etwas davon verstanden und dran Gefallen fanden. "Wenn ich unsere steigende Dividendenberichte sah, wurde ich mir immer mehr klar darüber, dass Geld in abstossender, unwürdiger Weise verdient worden war." Felix Weils allerletzter Versuch im Weizengeschäft scheiterte 1922 kläglich. In Berlin führte er, vermittelt durch kommunistische Genossen (Weil war selbst nie Parteimitglied), Gespräche mit dem sowjetischen Vertreter Karl Radek über Weizenlieferungen in die Sowjetunion. Da die Russen einer guten Ernte entgegensahen kauften sie nicht. Am nächsten Tag erhielt Weil den Anruf eines Direktors der Rotterdamer Filiale: "Du Idiot! Für wenigstens 24 Stunden warst du der einzige Nichtrusse in Europa, der wusste, dass die Russen nicht mehr kaufen werden. Wenn wir das gewusst hättten, hätten wir grosse Mengen Getreide á la baisse verkaufen können und Millionen daran verdient. Warum um Gottes Willen hast du uns nicht sofort angerufen?" Weil antwortete: "ich habe mich an der Information gefreut, dass die Genossen nicht mehr hungern müssen." "Nach dieser Glanzleistung gab es meine Vatere auf mich zur Aktivität in der Firma zu animieren." Im Jahre 1922 lernte er verschiedene Künstler und Intellektuelle kennen, die massgeblich die Richtung seiner Aktivitäten bis zu seiner Rückkehr nach Argentinien (1931) bestimmen. Dabei konzentrieren sich seine wissenschaftlichen Interessen auf Frankfurt (1922-1929), seine künstlerischen auf Berlin (1929-1931). ZUm einen sind es vor allem Künstler, die er finanziell unterstützte, wie etwa George Grosz(der ihn 1927 in einem seiner seltenen Ölbilder malte), die Herzfelde/Heartfield (in deren Malik-Verlag er selbst mitarbeitete) und Erwin Piscator (dessen zweiter Anlauf zu seiner Bühne 1929 ohne Weil nicht zustande gekommen wäre), sowie weitere lockere Kontakte in Künstlerkreisen, die u.a. zum Ankauf der Aufführungsrechte am 'Panzerkreuzer Potemkin' von Sergej Eisenstein führten. Zum anderen sind es gleich ihm aus dem Grossbürgertum kommende linke Intellektuelle, die ihn auf den Gedanken bringen, Diskussionsrunden über verschiedene marxistische Strömungen auf eine institutionelle Basis zu stellen. So entsteht 1924 das 'Institut für Sozialforschung', das Felix Weil zusammen mit seinem Vater Hermann gründete und bis 1945 finanziert. Dafür hat er das vom Vater ererbte Vermögen ausgegeben - anstatt "für Rennpferde oder schnelle Autos" wie er selbst kommentiert. Unter seinem Leiter Max Horkheimer wurde das Institut (auch in der amerikanischen Exil-Zeit) zu einer welt- berühmten Forschungsstätte, die heute noch in Frankfurt existiert. Ihr gehörten u.a. Theodor W. Adorno, Erich Fromm, Walter Benjamin, Fritz Pollock und Herbert Marcuse an. Noch einmnal kehrt Felix Weil vor dem drohenden Faschismus 1931 nach Argentinien zurück, um dann 1935 endgültig in die USA überzusiedeln. Dort arbeitet er in New York wieder an seinem 'Institut' mit und schreibt 1944 sein Hauptwerk "The Argentine Riddle", in dem er versucht, die politische und wirtschaftliche Situation Argentiniens und seiner Weiter- entwicklung für die Amerikaner darzulegen. Seine fast fünfjährige (letzte) argentinische Zeit ist geprägt durch drei Faktoren. Zum einen gab es z.T. unschöne und komplizierte Auseinandersetzungen um das Familienerbe. Felix Weils mittlerweile fast eingefleischte Antipathie gegen "Geschäfte" und deren "Gebaren und Methoden" taten ein übriges, die "Familienbande" zu lockern. Vor allem aber widmete er sich gesellschaftspolitischen Problemen. Er schrieb für das bald weltweit in dieser Zeit bekannte liberale 'Argentinische Tageblatt', unterstützte emigrierte deutsche Flüchtlinge und deren Organisationen und beteiligte sich an der Gründung der noch renommierten 'Pestalozzi-Schule' 1934. Seiner tatkräftigen finanziellen Hilfe ist es auch zu verdanken, dass kein Mitglied der Weil-Familie in Deutschland dem Faschismus zum Opfer fiel - alle konnten noch rechtzeitig fliehen. Seine Hauptarbeit aber bestand - neben volkswirtschaftlichen Vorlesungen an der Universität - in der offiziellen Mitwirkung an argentinischen Steuergesetzen (Gesetz Nr. 11682 und 11683) Dr. Ernesto Malaccorto schreibt darüber im Jahre 1988: "Weil leistete wichtige Mitarbeit, als die Regierung meines Landes im Juli 1932 mich mit der Organisation der Generaldirektion für das Steuerwesen beauftragte. Mein persönlicher Eindruck von Dr. Weil ist der, dass es sich um einen sehr begabten Mann, dabei um einen Menschen von grosser Arbeitskraft handelte - was ihm erlaubte bei der Organisation der Steuerverwaltung sehr rasch voranzukommen. Heute glaube ich, dass das Land Dr. Weil Anerkennung für seine bedeutende Mitarbeit bei der Formulierung der Einkommen- steuergesetztgebung und seines Fiskalrechtes schuldet." Als 'Amerikaner' wohnt Felix Weil seit 1945 in Californien und engagiert sich dort in der Kommunalverwaltung für die 'Demokraten'. Er übersetzt und kommentiert "Die Vorgeschichte des politischen Antisemitismus" von P. W. Massing ins Deutsche. 1963 wird er anlässlich seines 65 Geburtstages geeehrt mit der 'Ehrenplakette' der Stadt Frankfurt sowie der 'Ehrenmitgliedschaft' des Instituts für Sozalforschung. Am 18. September 1975 ist er in Dover, Daleware, bei der Niederschrift seiner "Erinnerungen" gestorben. |