Felix Weil und die "Frankfurter Schule"

Die Weils gründeten das "Institut für Sozialforschung" in Frakfurt

von Helmuth Robert Eisenbach
Argentinisches Tageblatt, 29. April 1989
Zeitungsausschnitt übergeben an die RSW von Herrn Wilhelm Bauer, Sinsheim, Okt. 2000
Felix Weil (1898-1975) war während seines Studienaufenthaltes in Frankfurt
am Main in den Tagen der Novemberrevolution von 1918 mit sozialistischen
Theorien in Berührung gekommen. Er empfand sich seit diesen Ereignissen
als 'Sozialist', der sich nicht um das väterliche Erbe zu bekümmern, sondern der
das ererbte Millionenvermögen für wissenschaftlich-sozialistische Theorie-
entwicklung einzusetzen habe. Sein Vater Hermann Weil (gest. 1927) hatte
in Buenos Aires als frisch eingewanderter Getreidehändler mit der
"WEil Hermanos & Cia" eine Weltfirma aufgebaut. Als schwerkranker Mann
ließ er sich ebenfalls in Frankfurt nieder und unterstützte karitative wie
universitäre Einrichtungen. Schon früh musste er sich damit abfinden, dass
sein einziger Sohn keine Neigung zum Getreidehandel zeigte.
Im Jahre 1923 finanzierte Felix Weil aus dem mütterlichen Erbe eine
'Erste Marxistische Arbeitswoche' (EMA), an der so berühmte Philosophen
und Theoretiker wie Karl Korsch, Georg Lukács, Konstantin Zetkin,
Karl August Wittfogel u.a. teilnehmen. Eine zweite 'Arbeitswoche' folgte nicht,
da Weil die marxistische Theoriediskussion zu einer festen Institution werden
lassen wollte. Er bewog seinen Vater, ein Universitätsinstitut mitzufinanzieren,
das lose der Frankfurter Universität kooptiert sein sollte. So wurde im Jahre
1924 das 'Institut für Sozialforschung' gegründet, das noch heute in
Frankfurt wissenschaftlich auf höchstem Niveau arbeitet.
Das Institut hatte sich nach dem Willen Felix Weils zur Aufgabe gestellt,
auf marxistischer Grundlage soziale, wirtschaftliche und philosophische
Probleme in ihrem Gesamtzusammenhang zu untersuchen. Im großen
Stil wurde hier erstmals interdisziplinäre Forschung betrieben. Als
promovierter Nationalökonom (Thema: "Sozialisierung") hielt Weil selbst
Seminare und schrieb Abhandlungen. Das Institut stand allen Interessierten
offen, d.h. also nicht nur Studenten, In einer eigenen Schriftenreihe
werden bis heute die Ergebnisse der Institutsforschung veröffentlicht.
Unter dem Direktorat von Max Horkheimer (gest. 1973) erlangte das
Institut weltweiten Rang. Zu seinen Mitgliedern zählten Theodor W. Adorno
(Philosophie/Musik/Soziologie), Fritz Pollock ((Nationalökonomie),
Erich Fromm (Psychoanalyse), Leo Löwenthal (Literatursoziologie),
Walter Benjamin (Philosophie/Literaturkritik), Herbert Marcuse (Philosophie/
Gesellschaftswissenschaft) und viele andere.
Im Jahre 1930 emigrierte das Institut nach Genf und von dort aus in die USA.
Die Columbia-University in New York gewährte ihm bis 1945 ein Gastrecht:
1951 kehrte das Institut wieder nach Frankfurt am Main zurück. Während
der Emigrationszeit war es für viele deutsche Gelehrte, die vor dem
Faschismus fliehen mussten, eine erste Anlaufadresse, wo sie Unterstützung
fanden. Felix Weil hat an Seminaren und Untersuchungen des Instituts
immer wieder bis 1945 mitgewirkt. Es war ihm zu einer Art geistigen
Heimat geworden. Als 1938 die Säuberungswellen unter Stalin in der
Sowjetunion liefen, denen auch Freunde Weils zum Opfer fielen, wandte er
sich  - wie auch die anderen Mitglieder des Instituts - endgültig vom
Kommunismus ab. Bürgerliche Aufklärung über eine total veraltete und
organisierte Gesellschaft ist von da an bis heute das Ziel der Forschung
geblieben. Sie wurde fundamental formuliert in der sogenannten
'Kritischen Theorie', der zufolge das Bestehende einer Kritik zu unterwerfen
sei - ohne das zugleich das Bessere postuliert werden müsse.
Von 1924 bis 1945 hat Felix Weil das 'Institut für Sozialforschung' in seinen
materialen und personalen Bestand finanziert. Dafür hat er fast sein ganzes
Vermögen hergegeben. Im Verlauf der Studentenunruhen von 1968, die
von Berkeley/Californien ausgingen und sich weltweit fortsetzten,
erlangte das Institut seinen legendären Ruf und wurde popularisierend
'Frankfurter Schule' genannte. Zu ihr zähle noch immer der in den USA
gebliebene Herbert Marcuse, den die Studenten zu ihrem geistigen
Idol erhoben. In Frankfurt waren es die gesellschaftskritischen Schriften
von Theodor W. Adorno, welche die Studenten in die Tat umsetzen wollten:
Vielen Bereichen der Wissenschaft (Literatur, Philosophie, Politische
Ökonomie, Jurisprudenz, Politikwissenschaft, Soziologie) hat die
'Frankfurter Schule' nicht nur kritische Anstöße gegeben, sondern auch
deren Methodik beeinflusst. Hatte Hermann Weil der argentinischen
Wirtschaft wesentliche Impulse gegeben, so verwandte sein Sohn
das ererbte Vermögen, um auf dem Gebiete der Wissenschaft ein
bleibendes segenreiches Fundament zu leben.