Bericht 
über 
das Heimatfest am 3. u. 4. September 1927 und die feierliche Übergabe
des Mausoleums in den Schutz der Stadt Waibstadt

(Das Original befindet sich im  Max-Horkheimer-Archiv in 
der Universitätsbibliothek Frankfurt/Main)
(Wir danken Herrn  Dr. Jorge Frohmann, Buenos Aires,
der am  11. Febr. 2001 eine Kopie des Bericht der Realschule
Waibstadt zugeschickte)

Wir fuhren am 3. September morgens 1/2 10 Uhr von Baden-Baden direkt
nach Steinsfurt, wo wir gegen 1/2 12 Uhr eintrafen. - Die ganze Familie Weil
erwartete uns; Adolf mit Jenny und ihren beiden Söhnen Isi und Max, die aus
Holland und Argentinien gekommen waren, ihrer Tochter Florle Frohmann
nebst Gatten und ihrer Schwiegertochter Hilde Weil aus Buenos Aires.
Ihr Sohn Kurt weilt auf den Azoren und Seppel in Argentinien; für diesen
war sein Associé Dinkelmann mit Tochter, einer unserer früheren Angestellten
anwesend. Sodann Babette Spieß, deren Gatten Carl Rosenfeld aus Stuttgart,
seinem Sohne Dr. Seppel Weil aus Karlsruhe, seiner Enkelin Liesbeth aus
Tübingen, Schwager Abraham Lehmann mit seinem Sohne, Kandidat Fritz
Lehmann, meine Nichte Flora May mit Gatten aus Groß-Biberau, Leo Sichel,
in Vertretung seiner Frau, meiner Nichte Ida, sowie meine Nichte Flora
Hirschler aus Ludwigshafen, meine Schwägerin Frau Stadtrat Bernecker mit
Tochter Lotti, ich mit meinem beiden Damen, Steffi Krauth und Lina Haas,
die Zofe Anna und der Chauffeur Karl Heß, außerdem waren eine große Anzahl
näherer und fernerer Bekannte herbeigeeilt.
Wir waren im Ganzen 29 Personen, die sich zum Mittagsmahl im alten Vaterhaus
bei Adolf und Jenny versammelten; zur Unterstützung der Hausfrau war eine
Kochfrau vorhanden, ebenso ein Mädchen und die Köchin von Frohmanns
und verschiedenes anderes Hilfspersonal. Isi machte den Mundschenk und
Julius unterstützte ihn eifrig. Alle waren in einem Zimmer untergebracht, wo
die Tafel so praktisch aufgeteilt war, daß Platz genügend vorhanden war.
Die Tafel war reizend geschmückt mit einem Silber von Adolf und Samuel
Weil. Die Bedienung war ganz ausreichend, so daß die Befürchtungen
gewisser Leute sich als überflüssig erwiesen. 
Nachmittags 1/2 3 Uhr fuhren wir dann nach Waibstadt hinüber, wo wir mit
21 Böllerschüssen, Glockengeläut und Liedervorträgen zweier Gesangvereine
begrüßt wurden. Der eine Verein sang: "Sei uns gegrüßt", der andere das alte
ewig schöne Heimatlied: "Teure Heimat sei gegrüßt."


Sodann übergab ich das Mausoleum dem Schutze der Stadt Waibstadt
und führte etwa folgendes aus: "Zur Feier des Heimatfestes geladen, habe 
ich diesem Rufe mit Freude Folge geleistet und daß ich es konnte, ist für mich
ein Grund besonderen Dankes gegen Gott, denn noch vor wenigen Monaten
hätte ich beinahe die Fahrt in ein viel ferneres Heimatland angetreten. Ich muß
sagen, es geschehen wirklich noch Zeichen und Wunder, denn daß ich nach 
solchem Kranksein im Stande war, vier Wochen nach Gastein zu fahren und
dann eine vierwöchige Autoreise durch die schönsten Gaue Europas zu
machen, ist ein Wunder. Ich habe darum auch das Vertrauen zurückgewonnen,
daß ich, trotzdem ich mein Haus gestellt, und meine letzte Wohnung bereitet
habe, doch noch, so Gott will, recht lange auf dieser schönen Erde weilen werde.
Ich übergebe nun Ihnen dieses wirklich schöne Bauwerk zu getreuen Händen
und wenn es dereinst sein soll, so werde ich mit Freuden wissen, dass ich
hier einziehe und wir wollen dann getreue Nachbarschaft halten.
Steinsfurt und Waibstadt sind meine Heimat, hier liegen meine Eltern 
begraben und meine Asche wird einstmals, kaum 10 Meter von ihren Gräbern
entfernt ruhen. - Ich habe für das Mausoleum nur drei Urnen vorgesehen.
Die Urne meiner verstorbenen Frau, meine eigene und die meiner getreuen
Pflegerin, Frau Steffi Krauth. Ich muß es hier aussprechen, daß ich es vor allem
ihrer Treue und Sorge verdanke, wenn ich noch hier weilen darf. - Mit der
Innenausstattung bin ich noch nicht fertig. Es wird darin noch meine Büste
aufgestellt werden und über der Urne meiner Frau wir die wundervolle Statue
einer Flora aus weißem Marmor aufgestellt, die jetzt noch in dem Garten meiner
Frankfurter Villa sich befindet. - Über der dritten Urne will ich ein edles,
griechisches Marmorbild, Amor und Psyche, die bekanntlich das Sinnbild
unveränderlicher Treue sind aufstellen. Vielleicht werde ich auch ein Pendant
zu der Florastatue aufstellten lassen. Sodann gedenke ich, nach Osten ge-
wendet, einen Altar mit zwei Leuchtern aufzustellen, so daß der Raum auch
denen, die den Wunsch haben, ein stilles Gebet zu verrichten, dienen kann
und Gottesdienste abgehalten werden können. Ich will keinen Tempel aus 
diesem meinem letzten Hause machen, sondern nur eine heilige Stätte, dem
Kult der Ahnen und der Kunst geweiht. Die heutige Generation ist ja nicht
so wie wir Alten auf Tradition und Verehrung der Vorfahren eingestellt,
aber niemand weiß, was die Zukunft bringt und ob nicht künftige Geschlechter
wieder zu alten, schönen Sitten zurückkehren werden. - Es ist ja Platz
genug vorhanden, um weitere Urnern, als diese drei aufzustellen, ob es
geschieht oder nicht, muß ich der Zukunft überlassen. -
Als ich diesen Bau vor vier Jahren errichten beschloß, geschah es nicht aus
Prunksucht oder etwas ähnlichem, sondern mich bestimmte der Gedanke,
an die furchtbare wirtschaftliche Depression und die Pflicht derjenigen, die
es vermögen, Arbeitsgelegenheit zu schaffen. Darum habe ich diesen Bau,
den Bau des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt a. M. und den der 
Volksschule in Steinsfurt in Angriff genommen. Sie hier haben sich zu jeder
Zeit dankbar und nobel mir gegenüber gezeigt, ebenso die Frankfurter, 
leider ist in Steinsfurt das Gegenteil der Fall. Ja, als der Herr Landrat die
Gemeinde zwang, einen Weg an der Schule vorbeizuführen, äußerte sich
einer der Angrenzer in Beisein des Bürgermeisters: "Wenn der Jude die
Schule nicht gebaut hätte, bräuchten wir jetzt nicht die Straße zu bezahlen",
und der Bürgermeister schwieg dazu, trotzdem er es war, der mich im Auftrage
des gesamten Gemeinderates und im Namen der katholischen und
protestantischen Pfarrer bat, ihnen an Stelle der von mir projektierten,
sogenannten "Luxusbauten" diese Schule zu erstellen, die sie selbst zu bauen
von der Regierung gezwungen waren, so daß ich der Gemeinde eine wesentliche
Erleichterung ihrer finanziellen Lage gewähren würde.
Ich bin darauf eingegangen und habe nur von der Gemeinde einen baureifen
Bauplatz verlangt, sowie die Lieferung sämtlichen Holzes. Da die Gemeinde
Steinsfurt reichlich Waldbesitz hat, so konnte sie das Holz sozusagen ohne
Kosten liefern. - Statt der veranschlagten 50 000 Mark hat mir mein Architekt
nach und nach 92 000 Mark abgefordert. Als ich dann nach schwerer 
Krankheit im Stande war, die Rechnungen und sonstigen Unterlagen
oberflächlich nachzuprüfen. fand ich, daß z.B. für 11 bis 1200 Mark 
Kachelöfen bestellt waren, während eiserne Öfen 300 Mark völlig genügt
hätten. Ich zog es vor, der Ofenfabrik ein Reugeld von 600 DM zu zahlen
und für 300 Mark eiserne Herde anzuschaffen, so daß ich doch noch 300 
Mark sparte. Der Fußboden der Lehrerwohnung war bereits mit Parkett
belegt, statt mit gewöhnlichen Dielen und für die Böden der Schule hatten
meine Architekten Stampfkork, also den teuersten Belag bestellt, während
meinem Empfinden nach einfacher Holzboden genügte, den die Gemeinde
kostenlos für mich zu liefern hatte. Ebenso verhält es sich mit den noch fehlenden
Schultafeln, Kathedern, Schulbänken etc. Von Stellung der Möbel durch mich,
war überhaupt nicht die Rede. Ich hatte nur versprochen, eine Schule zu bauen,
nicht auch sie zu möblieren. Einen Vertrag über den Bau haben wir nie 
abgeschlossen. Das Ganze war von vornherein als reines Geschenk gedacht,
ich konnte jeden Augenblick aufhören zu schenken, ohne damit eine Pflicht
zu verletzen. - Alles Fehlende kann nur aus Holz sein, was ich nicht zu liefern
hatte und wenn nun die Gemeinde Steinsfurt daran denkt, einen Ehrentafel
für mich an der  Schule anbringen zu lassen, so kommt das reichlich spät.
Aber genug von diesem Kapitel.
Sie haben mir durch Ihr zahlreiches Erscheinen und ihre schönen Gesangsvorträge
bewiesen, daß Sie mir eine Ehre erzeigen wollen und ich bin Ihnen dafür sehr
dankbar. - Wenn ich nun Ihrem Herrn Bürgermeister dieses schöne Bauwerk
zu getreuen Händen übergeben, so tue ich es in dem Bewußtsein, daß die ganze
Stadt dafür sorgen wird, daß es rein und unbesudelt bleibt. - 
Ich kenne Ihren Herrn Stadtpfarrer und weiß, daß ihm Friedhöfe heilig sind und
daß er seine Pfarrkindern in der Toleranz und Ehrfurcht erzogen hat. 
Jesus Christus war auch ein Jude und er starb für die Menschheit - 
Ich habe viel gelitten in meinem Leben und durch meinen langen Aufenthalt
im Auslande mir erst recht die Liebe zur Heimat warm bewahrt. Es war immer
eine Sorge, wo ich einst mein müdes Haupt zur Ruhe leben werde, denn meine
Kinder sind in der Welt zerstreut. Es ist mir ein beruhigendes Bewußtsein,
daß meine Asche an diesem idyllischen Erdenfleck ruhen wird. Es freut mich,
daß meine Seele, falls es ihr vergönnt ist, von hier aus, vielleicht von dem Mogen
David da oben, eine wundervolle Aussicht über das Heimatland haben wird,
vom Katzenbuckel bis zum Königsstuhl, vom Steinsberg bis nach Wimpfen. -
Ich gebe dieses schöne Bauwerk der Öffentlichkeit frei und stelle als Wächter
die Stadt Waibstadt und Herrn Glück, den Vorsteher der Israelitischen
Begräbnisgemeinde auf, die dafür sorgen werden, daß es heilig gehalten wird,
nach seiner Bestimmung, und daß kein Bube seinen Frieden stört. Man hat
da in den letzten Jahren von solchen Schändlichkeiten an vielen Orten gehört,
wir wissen, daß wir dagegen machtlos sind, aber ich glaube nicht, daß im
Bereich dieser Diözese, wo Landrat, Bürgermeister, Bischof, Pfarrer und
Kaplan Hand in Hand arbeiten, jemals sich Gleiches 
In diesem Sinne übergebe ich Ihnen, Herr Bürgermeister, mit der besonderen
Bestimmung seine Pforten zu öffnen allen denen, die diese herrliche Natur
lieben und bewundern, allen Vereinen, die das Schöne, Wahre und Gute lieben
und pflegen, Vereinen der Heimatpflege, der Sangeskunst, Vereinen der
Wanderlustigen; alle sind hier willkommen und am Platze. Nur keine 
politischen Vereine wünsche ich zugelassen, weder von links noch von rechts,
weder Hakenkreuz noch Stahlhelm oder Rote Front. Ich überlasse es Ihnen
zu entscheiden, welche Redner von dieser Stelle sprechen sollen und wer es
in Erfüllung seiner patriotischen Pflicht tut, ohne der aktuellen Regierung
Obstruktion zu machen, der ist mir willkommen, aber von diesem Ort des
Friedens soll jeder Unfriede fern bleiben. Auch den Juden, die hierher kommen,
biete ich diese Stätte als Versammlungs- oder Gebetsort dar und wenn der
Herr Rabbiner von hier aus zu seiner Gemeinde sprechen will, so wird es 
mich freuen. Damit übergebe ich Ihnen den Schlüssel und hoffe, daß ich
noch recht lange von meiner Wohnung keinem Gebrauch machen werden."

Darauf erwiderte der Herr Bürgermeister:
Sehr geehrter Herr Doktor. Wir sind tief gerührt durch die edlen Worte, die
Sie soeben hier zu uns sprechen. Wir danken gleich Ihnen Gott, daß er Sie
aus so schwerer Krankheit, wie sie selbst sagen, hat genesen lassen. Ja,
wenn wir Sie hier so frisch sehen, können wir es kaum fassen, daß Sie vor
drei Monaten krank waren, daß Ihre treue Pflegerin und Ihr Arzt stundenlang
um Ihr Leben kämpften. Nun sind Sie so frisch, daß Sie - Ihre Rede beweist es
ja - 100 Jahre alt werden könnten.! (Zwischenruf von Dr. Hermann Weil:
"Warum soll mich der liebe Gott nehmen für 100, wenn er mich kann haben
für 59!!" Herzliches Gelächter) Sie haben dieses Mausoleum in seiner wunder-
bar schlichten und edlen Form hier erbaut und wohl nur ein Fachmann vermag
zu beurteilen, was für ein künstlerisch dauerndes, kostbares Werk hier
geschaffen wurde. Der herrliche Mosaikhimmel, die Fenster, der prachtvolle
Marmorfußboden, die Wandtäfelung, das sind alles Meisterwerke der Baukunst
und der künstlerischen Farbenzusammenstellung
Das Werk zu beschreiben, ist nicht meine Sache, aber dieses will ich Ihnen
sagen, daß Sie ein Segen waren für unser Heimatland, denn Sie haben in
dieser schweren Zeit wirtschaftlicher Depression Hunderten von Menschen
Gelegenheit zu künstlerischer Betätigung, zu Arbeit und Broterwerb gegeben,
die sonst unter der Last ihrer Sorgen zusammengebrochen wären.
Diese Tat allein setzt Ihnen schon ein Denkmal in unserer Heimat und unseren
Herzen.
Wir feiern heute unser Heimatfest und feiern es doppelt, weil wir Sie in unserer
Mitte haben und auch Ihrem Munde hören, daß Sie hier Ihr Heimatrecht
besitzen und es für immer zu erhalten begehren. Sie sind Waibstädter, denn
Sie sind ja hier Grundbesitzer, und wenn Sie es nicht wären, so würden wir
Sie für unsere Stadt requirieren, denn wir sind stolz, einen Mann wie Sie zu
unseren Bürgern zählen zu dürfen. Wir bedauern nur, daß Sie einen Groll
im Herzen tragen, der leider nur zu sehr begründet ist. Wir hoffen aber, daß
der neue Bürgermeister von Steinsfurt, der ja nichts für die Sünden seines
Vorgängers kann, Gelegenheit und die Macht haben wird, zwar nicht das
Geschehene ungeschehen, aber doch vergessen zu machen.

Es freut mich, daß Sie versprochen haben, sich morgen unserem Festzug
anzusehen, denn es gibt unserem Feste erst die rechte Weihe, wenn wir
sehen, wie Männern, die weit in der Welt herumgekommen und aus eigener
Kraft groß geworden sind, sich an ihrer Heimat und deren Streben erbauen.
Ich hoffe, daß der Zeitpunkt Ihres Einzuges in Ihre erhabene Wohnung
noch lange hinausgeschoben ist, wann aber immer es sein wird, Waibstadt
wird um Sie wie um einen Vater trauern. Den von Ihnen so schön erstellten
Fahrweg nennen wir Dr. Hermann Weil-Weg."

Darauf ergriff der Herr Kaplan das Wort und führte aus:
"Ich bin gekommen, um hier als Privatmann zu sprechen. Eine kirchliche
Einsegnung ist ja nicht vorgenommen worden, denn, wie ich sehe, haben
Sie keinen Rabbiner bestellt, was doch geschehen wäre, wenn Sie eine
kirchliche Feier gewünscht hätten. Als Privatmann und Vorsitzender des
Heimatvereins, will ich einige Worte des Dankes sagen. Zuerst möchte ich
danken für die gütige Weise, in der Sie meiner gedachten. Es tut wohl, von
Andersgläubigen solche Worte der Anerkennung zu hören, wie Sie sie mir
gewidmet haben. Es ist wahr, ich lasse es mir angelegen sein, Toleranz zu
lehren und ich glaube in meinem Bezirke gibt es keinen Klassen- u. Rassenhaß
und ich versichere Sie, daß, so lange ich hier wirke und lebe, sich niemand
finden wird, der es wagt, diese heilige Stätte mit schlechten Absichten zu
betreten. Alle Friedhöfe sind uns heilig und der Waibstädter jüdische Friedhof,
der seit Jahrhunderten besteht, ist würdig, unter Denkmalschutz gestellt zu
werden. Ich habe auch schon den Herrn Landrat gebeten, diese Frage
an zuständiger Stelle zur Sprache zu bringen. - Ich danke auch noch
ganz besonders für die Erlaubnis, den schönen Vorhof zu musikalischen
und Heimatfesten benützen zu dürfen."
Dann wurde eine Fanfare geblasen und der Gesangverein stimmte das
Lied an: "Wer hat dich du schöner Wald."