Die Frankfurter Schule wurde vor 75 Jahren eröffnet

von Ira Schaible

Frankfurter Allgemeinen 21. Juni 1999
Zeitungsausschnitt übergeben an die RSW von Herrn Wilhelm Bauer, Sinsheim, Okt. 2000
ungekürzt
Die schlichte Fassade des Gebäudes im Frankfurter Westend verrät nichts
von dem kritischen Geist, der die deutsche Nachkriegsgeschichte verändert
und Weltruhm erlangt hat. Das Institut für Sozialforschung - Synonym für
die 'Frankfurter Schule' und die 'Kritische Theorie' - residiert hinter den
Mauern eines 50er-Jahre-Baus in der Senckenberganlage 26.
Morgen vor 75 Jahren gründete der Millionärssohn Felix Weil die erste
Forschungsstätte für den wissenschaftlichen Marxismus an einer deutschen
Universität. Sie entwickelte sich zum Symbol linker Gesellschaftswissenschaft
und lieferte die theoretische Basis für die 68er Studentenproteste.
Unter dem geschäftsführenden Direktor Ludwig von Friedeburg befassen sich die
Wissenschaftler heute mit demokratischer Kultur, dem Sozialstaat,
kapitalistischer Modernisierung und der Zukunft der Arbeit. Der Empiriker
von Friedeburg gilt neben dem Sozialphilosophen Jürgen Habermas als
einer der prominentesten Vertreter der zweiten Generation der Frankfurter Schule
Das Jubiläum begeht die Universität im September mit einer internationalen
Fachtagung zur 'Kritik der Gesellschaft'

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Ludwig von Friedeburg führt die Geschäfte des Instituts

Die Gründung des Instituts ließ sich nach Auffassung von Friedeburgs in den
20er Jahren nur in Frankfurt verwirklichen. Mit ihrer für Deutschland
einzigartigen Konstruktion einer bürgerlichen Stiftungsuniversität habe die
Hochschule in der liberalen Stadt am Mai neuen Disziplinen und Außenseitern
Chancen geboten.

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Vor 75 Jahren der Gründer: Felix Weil.

Als erster Direktor wurde der Staatsrechtler Carl Grünberg berufen. Mit seinem
Nachfolger Max Horkheimer verlagerte sich von 1930 die Forschung von der
Theorie der Wirtschaftsgesetze auf die Soziologie. Eine Gruppe am Marxismus
orientierter Wissenschaftler diskutierte Fragen der Ökonomie, psychisc0he
Entwicklungen und der Kultur. Dazu zählten der Psychoanalytiker Erich Fromm,
der Sozialphilosoph Herbert Marcuse und der Musiktheoretiker
Theodor W. Adorno. Ihre Erkenntnisse wurden seit 1932 in der
'Zeitschrift für Sozialforschung' publiziert.
"Nach der jeweils möglichen Einsicht"
Im Vorwort zur ersten Ausgabe erläuterte Horkheimer den Leitgedanken,
der zunehmend als Kritische Theorie bezeichnet wurde. Ziel sei
"die Vorgänge des Gesellschaftslebens nach dem Stand der jeweils möglichen
Einsicht zu begreifen".
Horkheimer und Andorno sahen die Kritische Theorie in der Tradition des
Marxismus und als kritische Reflektion seiner Fehler.
Die nationalsozialistische Diktatur bereitete der gesellschaftskritischen
Forschung in Deutschland ein jähes Ende. Die Arbeit des Instituts wurde
vor allem an der Columbia University in den USA fortgesetzt. Horkheimer und
Adorno stellten Studien zum autoritären Charakter an und schrieben das
Grundlagenwerk der Kritischen Theorie, die 'Dialektik der Aufklärung'.
Damit fand die Frankfurter Schule weltweit Aufmerksamkeit.
Nach dem Krieg installierte Horkheimer das Institut wieder als private Stiftung
und kehrte auf seine alte Professur führ Sozialphilosophie zurück.
1951 wurde das neue Institutsgebäude im Westend eröffnet, doch mehr als
Horkheimer wurde Adorno seit Mitte der 50er Jahre zur bestimmenden Kraft.
Unwissenschaftliche Schlagzeilen machte das Institut, als es während der
68er Unruhen besetzt wurde und Adorno und Friedeburg die Polizei riefen. 

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Max Horkheimer verschaffte der Soziologie
den Vorrang

Theodor W. Adorno bestimmte die Linie in den
50er Jahren

Mitte der 70er Jahre war die große Zeit des Instituts endgültig vorbei.
Adorno war im August 1969 gestorben. Horkheimer zog sich in die Schweiz
zurück, und Friedeburg wurde hessischer Kultusminister.