"Dr. Hermann Weil zum Gedenken"
(von Hans Appenzeller, Steinsfurt - entnommen aus  der Stadtchronik der Stadt Waibstadt, 1995).
(ebenso Auszüge aus: Ulrich Marowski, Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Waibstadt, Stadtchronik)


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Eine Zusammenfassung zum Leben Hermann Weils -

Elternhaus, Kindheit und Lehre

Hermann Weil wurde am 18. September 1868 in Steinsfurt als zehntes von
dreizehn Kindern der Eheleute Josef Weil und Fanny, geborene Götter geboren.
Der Vater und der Großvater waren traditionell dem Getreidehandel
verbunden. Der Kaufmannsberuf war dem jungen Hermann praktisch
vorgegeben.
Nach dem Besuch der Volksschule in Sinsheim absolvierte er die
Kaufmannslehre in Mannheim bei der Getreidegroßhandlung Isidor Weismann.
Bald erkannte man seine ungewöhnliche Begabung und übertrug ihm
verantwortungsvolle Positionen, die ihn ins Ausland führten. Für den jüngsten
Sohn Hermann bestand keine Chance in Steinsfurt eine Existenz zu gründen.
Hermann ging mit 20 Jahren (1888) mit den beiden anderen Brüdern Samuel
und Ferdinand zunächst in die Vereinigten Staaten von Nordamerika.

Getreidehändler in Argentinien 

Hermann Weil sah in Argentinien bessere Möglichkeiten für eine Existenz-
gründung. Er übersiedelte deshalb bald mit Samuel und Ferdinand nach
Buenos Aires, wo sie sich als Getreidehändler niederließen.
Zunächst arbeitete er für seine Lehrfirma Weismann in Mannheim, doch bald
gründete er die Firma Gebrüder Weil, in Argentinien als Hermanos Weil& Cie
bekannt. Die Firma erlangte bald Weltruf. Als die Brüder Weil in Buenos
Aires ihre Firma gründeten befand sich der Getreidehandel in Argentinien
erst in den Anfängen. Die Firma expandierte zusehends. Der jährliche Umsatz
erreichte Milliarden in Dollar. Um 1900 beschäftige sie 3000 Mitarbeiter
mit Niederlassungen an allen strategischen Punkten der Getreidegegenden
Argentiniens mit Filialen in  Holland, England, Frankreich, Italien, Spanien
und Portugal. Eine eigene Schiff-Charterfirma gehörte zum Unternehmen.
Bis zu 60 Schiffe befuhren im Auftrag der Firma Weil die Weltmeere. In einer
Zeitspanne von zwanzig Jahren brachte es der Kaufmannslehrling Hermann Weil
aus Steinsfurt zum Großunternehmer im internationalen Getreidehandel.

Rückkehr nach Deutschland und Krankheit

Aus gesundheitlichen Gründen kehrte Herrmann Weil 1907 nach Deutschland
zurück. Hier ließ er sich mit seinem Bruder Ferdinand in Frankfurt
nieder. Seine fortschreitende Krankheit zwang Weil, sich aus den Geschäften
immer mehr zurückzuziehen. Auch seine Frau war ernsthaft erkrankt, sie starb
im Jahre 1913 an Krebs.

Politischer Berater im Kaiserreich

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland widmete sich Weil sehr aktiv dem
politischen Geschehen. Im Ersten Weltkrieg war er Ratgeber bei
Institutionen der Wirtschaft, er wurde sogar Berichterstatter bei Kaiser
Wilhelm II. Seine weltweiten Beziehungen kamen ihm hierbei sehr zustatten.
Der Kaiser studierte sehr aufmerksam die politischen und wirtschaftlichen
Vorstellungen des Getreidehändlers Weil; er nahm einige davon in seine
eigene Konzeption auf. Weil wurde des öfteren im kaiserlichen Haupt-
quartier in Kreuznach empfangen. Nach Weils Vorstellungen hätte England
dem massiven U-Boot Krieg der Deutschen unterliegen müssen. Nach einer
Niederlage Englands sollten die Falkland-Inseln an Argentinien fallen.
Mit dem Aushungern der Engländer durch die U-Boot-Blockade und anderen
Einschätzungen über die Weltlage hatten sich allerdings der Kaiser und Weil
sehr geirrt. Die Siegermächte hatten einen Teil seines Vermögens in England
in Höhe von 33 000 Pfund beschlagnahmt. Die Engländer mussten sein
beschlagnahmtes Vermögen sehr bald wieder freigeben, da er ja neben der
deutschen auch die argentinische Staatsbürgerschaft besaß.

Humanitäres Wirken

Nach seiner Abwendung von der Politik - wohl auch unter dem Eindruck des
verlorenen Krieges und den schlimmen Kriegsfolgen verlagerte Weil seine
Interessen mehr und mehr auf humanitäre Gebiete, was ihm nach seinen Tod
den Ruf einbrachte, einer der größten Förderer der Universität und
großzügiger Wohltäter der Stadt Frankfurt zu sein. Weil half reichlich und
gab Geld an viele Institutionen. In einem Brief erwähnte er 23 verschiedene
Einrichtungen, denen er Beträge zuwendete: dem Armenverein, der sogenannten
Wintersnot, der Kinderhilfe, der Kriegskrüppelfürsorge und der Blindenanstalt,
den Waisenhäusern, dem Siechenhaus, dem Roten Kreuz, an arme Künstler und
Studenten und viele andere insgesamt 120 Millionen Mark.  Er unerstützte
jahrelang die Frankfurter Universität und gründete auch das
sozialwissenschaftliche Institut in Frankfurt. Das Institut führte anfangs den
Namen 'Hermann-Weil-Stiftung'. Das Institut ist heute noch bekannt unter
der Bezeichnung 'Frankfurter Schule'.

Aus einem Brief an den OB von Frankfurt:
' Ich übe schon lange hier meine philanthropische Tätigkeit aus und hätte viel
mehr noch getan, wenn mich nicht das Treiben der Antisemiten, Rathenau- und
Erzberger-Mörder und speziell die Haltung der Gerichte in den letzten Fällen, angeekelt hätten.
Ich sagte mir, ein Volk, das   solche Schandtaten zulässt und solche Richter
duldet, verdient kein Mitleid. Aber angesichts der jetzigen, trostlosen Lage
schweigt jedes Bedenken; das deutsche Volk wird bedrückt, vertrieben und
ausgeraubt wie die Juden. Da sagt mein Herz "Hilf dem deutschen Volke, es kann
nicht büßen für die Taten weniger Narren und Mordbuben. Darum helfe ich und
mache auch Propaganda bei meinen Freunden in Übersee."

Eine Frankfurter Zeitung schrieb zu seinem Tod:
'Der Verstorbene war eine jener Erfolgsnaturen, die nichts für sich selbst
gebrauchen, aber ihren Besitz in gemeinnütziger Weise verwalten. Er half
mit vollen Händen, und wo er private Not und Sorgen lindern konnte, da tat
er es mit einer Zartheit und Feinfühligkeit, die das Wesen dieses trefflichen
Mannes deutlich kennzeichnen. Ein Mann, der durch eigene Kraft und
Fähigkeit sein Schicksal gestaltete, der klug und anteilsvoll in seiner Zeit
lebte, ein warmes Empfinden für seine Nächsten und ein starkes Gefühl für
alle Dynamik unserer Kultur hatte, und der in seiner Lebensauffassung und
Bestätigung von vorbildlicher Bedeutung war.'

Die Verbindungen zur Heimatgemeinde Steinsfurt

Die Beziehungen zu seinem Elternhaus und zu seinen Verwandten hat er
immer gepflegt. Wenn  immer es seine Zeit zuließ, kam er nach Steinsfurt
in sein Elternhaus, wo sein Bruder Adolf wohnte. Nur ein Monat vor seinem
Tod war er in Steinsfurt. Viele ältere Einwohner erinnern sich noch an die
Besuche von Dr. Weil.  Nachbarn wissen zu berichten, daß er bei seinen
Besuchen im Elternhaus als erste Erfrischung Wasser aus dem in der Nähe
befindlichen Reisbrunnen wünschte.

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Ein Familienfoto der Brüder Weil mit Schwestern und Gattinnen aus dem
Jahr 1912 in Deutschland. Hermann Weil sitzt mit dem Stock links unten,
Adolf steht hinter ihm, Ferdinand rechts davon, Sam sitz vor ihm.

Der Bau des Mausoleums in Waibstadt.

Es war der Wunsch Hermann Weils, nach seinem Tode auf dem jüdischen
Friedhof in Waibstadt in der Nähe des Grabes seiner Eltern beigesetzt zu
werden. Da aber feststand, dass seine Leiche nach seinem Tode eingeäschert
werden würde, war nach jüdischem Gesetz eine Bestattung im jüdischen
Friedhof nicht möglich. So ließ er für seine letzte Ruhestätte unmittelbar
neben dem jüdischen Friedhof ein Mausoleum errichten, worin nach seinem
Tode die Urne seiner verstorbenen Frau, seine eigene und die seiner Pflegerin
Steffi Krauth aufbewahrt werden sollte. Das Mausoleum wurde am
5. September 1927 anlässlich eines Waibstadter Heimattages eingeweiht.
Dr. Weil starb am 3. Oktober 1927.

Der Bau des Mausoleums ein Segen für die Stadt
Waibstadt in der Zeit wirtschaftlicher Depression.

Die  Baukosten des Objektes waren ungeheuer hoch. Wertvolle Baustoffe wurden verwendet. Das Innere der Kuppel wurde mit farbigem Keramikmosaik versehen und stellten den gestirnten Himmel dar. Der Fußboden wurde intarsienartig
mit verschiedenfarbigem Marmor ausgelegt.
Bürgermeister Spiegel bedankte sich bei Hermann Weil anlässlich der
Einweihung des Mausoleums mit folgenden Worten: "Sie haben in der
schweren Zeit wirtschaftlicher Depression Hunderten von Menschen
Gelegenheit zu künstlerischer Betätigung, zu Arbeit und Broterwerb gegeben,
die sonst unter der Last ihrer Sorgen zusammengebrochen wären."

Die Schändung des Mausoleums.

Das Mausoleum wurde geschändet (10. November 1938), die Urnen
verschwanden, niemand weiß, wo sie geblieben sind. Viele Spekulationen
sind in der Vergangenheit darüber angestellt worden. Mit letzter Sicherheit
werden sich die Vorkommnisse um die Schändung des Mausoleums nicht
aufklären lassen. Der Enkel von Dr. Hermann Weil schrieb in einem Brief
vom 7.11.88: "Ich war von 1949 bis 1954 in Deutschland als amerikanischer
Beamter stationiert und bin auch nach Waibstadt, um mir das Mausoleum
anzusehen. Soviel ich mich erinnere, schrieb mir damals ein Einwohner von
Waibstadt, er habe die Asche meines Großvaters vor den Nazis gerettet
und auf seinem Grundstück vergraben. Ich habe dies damals meinem Vater
mitgeteilt.; als Atheist hatte  er kein Interesse an der Asche, und ich habe
deswegen nichts unternommen."