Auszug aus einem Vortrag von Prof. Assmann, 
Ägyptologisches Institut der Universität Heidelberg
gehalten beim Neujahrsempfang der Stadt Heidelberg
 Jan. 2001

"Eine Gesellschaft ohne Erinnerung dürfen und wollen wir nicht sein. Nicht das Wirtschaftswunder, nicht drei Fußballweltmeisterschaften, nicht die Wiedervereinigung oder die Rolle in einem vereinten Europa, sondern die Erinnerung an die Nazizeit machen Deutschland zu einem Land, das sich in der Gemeinschaft der Völker wieder sehen lassen darf und das auch für Juden betretbar und für manche sogar auf Dauer bewohnbar ist.....Viele sehen darin die stärkste Gegenkraft gegen aufkeimende Anzeichen von Antisemitismus und Fremdenhass..."

 

"So leben die Juden mit ihren Toten, seit Jahrtausenden und ganz besonders im Jahrtausend der Verfolgung, das im 11. Jahrhundert mit den Kreuzzügen begann und im 20. Jahrhundert in Auschwitz kulminierte. Aber so leben auch die deutschen und die europäischen Nichtjuden mit den ermordeten Juden, anders zwar, aber doch in einer Form der Erinnerung, die nicht nur von Scham, Schuld und schlechtem Gewissen, sondern auch von Trauer und Solidarität bestimmt ist. Diese Erinnerung, die sich von den Toten nicht lossagen will und kann, sondern sie mit hineinnimmt ins 3. Jahrtausend, ist nicht nur eine Sache “von oben”, die sich in Denkmalsetzungen und Gedenkzeremonien ausdrückt, sondern auch und viel mehr noch eine Bewegung “von unten”, die in vielen Städten Deutschlands und Europas immer wieder und immer öfter zu spontanen Aktionen, Ausstellungen und Installationen führt. Diese Erinnerung kommt aus einem Begehren nach Wissen und Festhalten, Spurensicherung und Namensnennung, das immer mehr und gerade junge Menschen bewegt..."

 

"Die Lösungen für die Gegenwart und die Zukunft bestehen darin, die Erinnerung der anderen anzuerkennen und eine gemeinsame Vergangenheit auszuhandeln, in der auch die Leiden der anderen Seite ihren Platz finden..."
"Die Erinnerung an den Holocaust ist nicht nur eine deutsche, und auch nicht nur eine deutsch-jüdische, sondern eine Menschheitsfrage. Der Leidensweg des jüdischen Volkes in die Gaskammern der Vernichtungslager ist eine Passionsgeschichte menschheitlichen Ausmaßes. „Aus der Asche der Todeslager“, schreibt der jüdische Historiker Yosef Hayim Yerushalmi, „ist ein grotesker neuer Baum der Erkenntnis gewachsen, und wir alle haben seine bitteren Früchte gekostet und wissen, was unsere Vorfahren nicht wussten: wenn dies möglich ist, ist alles möglich." Mit diesem Wissen gehen wir in das dritte Jahrtausend, und nur die Erinnerung, die dieses Wissen als unaufgebbare, prägende Erfahrung festhält, kann uns vor den Schrecken des Möglichen retten."


Wir danken Herrn Prof. Assmann, der uns sein  Manuskript  für eine Veröffentlichung zur Verfügung stellte.