Wir danken Herrn Peter Beisel, der folgenden Bericht zur Veröffentlichung im
Internet bereitgestellt hat - Realschule Waibstadt

"Im schönen Wiesengrunde......"
- Das Arbeitslager Neckarbischofsheim - 
von Peter Beisel

Es ist fast so etwas wie exterritoriales Gebiet: Da steht auf Waibstadter Gemarkung
mitten in der Landschaft der Bahnhof "Neckarbischofsheim Nord". Am Fuß des
Bahndammes, den man beim Bau des Bahnhofes in den Jahren 1901/02 
verbreitert hat, liegen verloren ein paar Häuser: der Waibstadter Ortsteil Bernau.
Teilweise bildet der Schwarzbach die Gemarkungsgrenze, so dass die wenigen
Häuser, die jenseits des Baches liegen, teils zu Waibstadt und teils zu
Neckarbischofsheim gehören. Letztere tragen seit ein paar Jahren den Namen
"Schwarzbachsiedlung".
Um diese Feinheiten der Grenzziehung am Nordbahnhof hat man sich im September
1944 wenig gekümmert, als auf dem "Reichsbahnhof", wie er damals offiziell
genannt wurde, Fertigteile für Betonbaracken ausgeladen wurden. Innerhalb
eines Monates entstand das "Arbeitslager Neckarbischofsheim", das auf beiden
Seiten des Baches errichtet wurde. Nachdem die Anlage mit Stacheldraht einge-
gezäunt war, zogen die Bewohner ein. In ihrer blau-weiß gestreiften Kleidung
waren sie unschwer als Häftlinge zu identifizieren. Im Wiesengrund hatte sich eine
Metastase des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof im Elsaß gebildet.
Das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof lag auf einem Gipfel der Vogesen
etwas 50 km südwestlich von Straßburg. Die landschaftlich wunderschöne Lage
mit einem großartigen Blick über die Bergwelt der Vogesen stand in einem
"tragischen Kontrast... zu der Atmosphäre des Wahnsinns, in der wir von nun an
leben sollten und die so war, dass sich in einer Nacht drei von uns erhängte",
wie es in einem Bericht des politischen Häftlings Dr. Ragot (1). heißt. Natzweiler
Struthof war das einzige Vernichtungslager auf französischem Boden.
Zunächst wurden im Winter 1940/41 in der Nähe des Hotels Struthof, wo auch im
Sommer 1943 eine Gaskammer gebaut wurde, die ersten Behelfsbaracken 
errichtet, in denen 300 deutsche Häftlinge untergebracht wurden (2). Das 
eigentliche Lager entstand 800 m von Strufhof entfernt und wurde am 1. Mai 1942
offiziell eröffnet (3). Es war ursprünglich für 1500 Häftlinge geplant. Zu Beginn
des Jahres 1944 lag ihre Zahl noch unter 4000 und stieg dann bis Ende 1944
auf fast 7000 an (4), vor allem durch die Evakuierung der Gefängnisse in Epinal,
Nancy und Belfort. Aber auch aus Rennes kamen Häftlinge (5). 
Die Lage des Konzentrationslagers wurde gewählt, um vor allem die Granit-
vorkommen dieser Gegend auszubeuten. Infolgedessen waren sehr viele Häftlinge
in dem Steinbruch oberhalb des Lagers eingesetzt. Andere arbeiteten im Straßen-
bau, in der Rüstungsindustrie oder im Lager selbst. Zahlreich Gefangene wurden
für medizinische Experimente der "Reichsuniversität Straßburg" missbraucht (6).
Ziele des Lagers war eine optimale Ausbeutung der Arbeitskraft bei einer 
gleichzeitigen Vernichtung der Gefangenen durch Arbeit.
Unmittelbar vor dem Lagertor wurde eine Villa mit Schwimmbad für den 
Lagerkommandanten errichtet. Das Lager erhielt im Spätherbst 1943 ein
Krematorium, um die vielen Toten rascher beseitigen zu können. Über die Zahl
der Toten im Konzentrationslager Natzweiler-Struthof gibt es unterschiedliche
Aussagen. Während der Tod vor allem von französischen Häftlingen genau
eingetragen wurde, verschwanden Russen, Zigeuner oder "Angehörige minder-
wertiger Rassen" ohne eine Spur zu hinterlassen (8). 
Die Häftlinge des Lagers stammten nicht nur aus Frankreich. Es waren auch
Niederländer, Belgier, Luxemburger, Norweger, Tschechen und Deutsche unter
ihnen, um nur die am meisten vertretenen Nationen zu nennen (9) und natürlich
auch Zigeuner und Juden, letztere vor allem für medizinische Experimente
der "Reichsuniversität Straßburg".
Als die  alliierte Front im Jahre 1944 näher rückte, wurde das Lager im August 1944
zur Kampfzone erklärt. Am 31. August wurde mit der Evakuierung des 
Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof begonnen, das im September aufgelöst
wurde (10). Die Häftlinge wurden nach Dachau und in Lager in Württemberg und
Baden verlegt, u.a. auch in das am 21. März 1944 errichtete Außenkommando
Neckarelz (11), dem das am September 1944 errichtete Lager Neckarbischofsheim
als Unterkommando angegliedert wurde. (12).
Die Entstehung des Lagers Neckarelz und seiner Unterkommando stand im
Zusammenhang mit dem Verlagerungsprojekt "Goldfisch". Als die deutsche
Rüstungsindustrie mit fortschreitender Kriegsdauer immer stärker durch Luft-
angriffe bedroht wurde, begann man, nach unterirdischen Verlagerungsmöglichkeiten
zu suchen. In diesem Zusammenhang wurde das Reichsluftfahrtministerium schon 
früh auf die Gipsgrube "Friede" in Obrigheim aufmerksam. Die Grube, in der die
Heidelberger Portland-Zementwerke Gips abbauten, wiese eine unterirdische
Fläche von 50 000 Quadratmeter auf (13). Da die Stollenanlage außerdem verkehrs-
günstig lag und leicht auszubauen war, wurde im Frühjahr 1944 beschlossen,
das Preßwerk Sindelfingen und das Flugzeugmotorenwerk Genshagen des
Daimler-Benz-Konzerns nach Obrigheim zu verlegen. (14). Für den Ausbau der 
Zufahrt und der Fertigungsflächen waren KZ-Häftlinge vorgesehen. Die ersten
500 aus dem Konzentrationslager Dachau trafen im März 1944 ein. Von Seiten
der SS erhielt das Projekt die Codebezeichnung "A 8". Von den Reichsbehörden
wurde für das Daimler-Benz-Zweigwerk Obrigheim der Deckname "Goldfisch"
gewählt (15). 
Die ersten Häftlinge wurden in der Schule in Neckarelz untergebracht, die zum
Konzentrationslager umfunktioniert wurde. Da jedoch der Bedarf an Arbeitskräften
ständig stieg, entstand in den folgenden Monaten ein Kranz von Unterkommandos
um das Außenkommando Neckarelz. Im Mai kamen aus dem Konzentrationslager
Oranienburg weitere 500 - 700 Häftlinge in das neu eingerichtete Lager 
Neckargerach (16). Weitere Lager in Mosbach und Neckarelz ("Neckarelz II)
Im Juli 1944 war der Bedarf des Projektes "Goldfisch" bereits auf über 1800 
Arbeitskräfte angewachsen. Von diesen waren 1360, also fast drei Viertel,
Häftlinge (17). Aber bereits einen Monat später war deren Zahl auf über 2500
angestiegen. Zusätzlich entstanden neue Lager in Neckarbischofsheim, Asbach
und Bad Rappenau (18) Das Lager Neckarelz mit seinen Unterkommandos
entwickelte sich zum größten Außenkommando des Konzentrationslagers
Natzweiler-Struthof (19). Da es der lokalen SS-Bauorganisation nicht gelang,
in ausreichendem Umfang für so viele Menschen Baracken zu errichten, wurden
Baufachleute der "Organisation Todt" (OT) hinzugezogen. (20).
Gründer der Organisation Todt war der im Jahr 1891 in Pforzheim geborene
Dr. Fritz Todt. Er war als erfolgreicher Tiefbauingenieur in München tätig, als
ihn im Jahr 1933 Hitler nach Berlin holte. Zu diesem Zeitpunkt war Todt bereits
seit 10 Jahren Mitglieder der NSDAP. Hitler berief den damals 42jährigen zum
"Generalinspektor für das deutsche Straßenwesen". In dieser Eigenschaft wurde
Todt der "oberste Autobahnbauer", der in kürzester Zeit eine riesige Organisation
auf die Beine stellte mit 125000 Beschäftigten im Jahr 1936 (21). Die beim
Autobahnbau gewonnenen Kenntnisse qualifizierten Todt für andere Großprojekte.
So wurde er nach der sogenannten "Tschechenkrise" des Jahres 1938 mit dem
Bau des Westwalls beauftrag (22), ein Projekt , bei dem 430 000 Menschen
beschäftigt wurden. Hitler, der auf dem Parteitag in Nürnberg im Jahr 1938 die
Öffentlichkeit über die Errichtung des Westwalls informierte, gebrauchte bei
diesem Anlass erstmals die Bezeichnung "Organisation Todt" (23). Sie entwickelte
sich im Zweiten Weltkrieg zu einem paramilitärischen Bautrupp mit Einsätzen
in ganz Europa (24), der auf dem Bausektor mit der SS rivalisierte (25). Fritz Todt,
der im Jahr 1940 zum Reichsminister für Bewaffnung und Munition ernannt wurde,
kam im Februar 1942 bei einem Flugzeugabsturz um Leben. Die Organisation
Todt bestand bis zum Kriegsende fort.
Im September 1944 wurde damit begonnen, auf dem Reichsbahnhof
Neckarbischofsheim Material für "etwa 16 große Baracken... für Arbeiter, die in der
Rüstung unserer Gegend arbeiten" auszuladen (26). Häftlinge aus dem Lager
Neckarelz begannen, das Lager Neckarbischofsheim zu errichten. Täglich fuhren
die Gefangenen mit der Bahn die 22 km bis zum Reichsbahnhof Neckarbischofsheim,
um im Wiesental die ersten Baracken zu errichten (27). Nach deren Aufstellung
wurde das Lager mit einem Vorauskommando von 85 Häftlingen belegt, obwohl
es noch keine Aborte und Waschgelegenheit gab, die Küche noch nicht ein-
gerichtet war und die Baracken weder Fenster noch elektrisches Licht hatten. (28)
Das Lager wurde durch die neuen Häftlinge weiter ausgebaut. Geplant war die
Errichtung von 15 Unterkunfts- und drei Abort- und Waschbaracken, sowie einer
Trafo- und Pumpstation, die das Lager mit Wasser versorgen sollte. Zum Lager
gehörten außerdem eine Wirtschafts-, eine Verwaltungs- und eine Revierbaracke.
Das Projekt wurde jedoch in dem geplanten Umfang nicht mehr verwirklicht. 
Sechs der Unterkunftsbaracken (2 und 9 -12), die Revierbaracke, zwei der
Abort- und Waschbaracken, sowie die Trafo- und Pumpstation wurden nicht
gebaut. Die Unterkunftsbaracke Nr. 6 wurde zur Werkstatt umfunktioniert. Außerdem
wurde dort die Pumpstation untergebracht.
Die Baracken, die heute noch stehen, sind etwa 25 m lang und 10 m breit. Die
Wirtschaftsbaracke maß 33 x 10 m. Die Wasch- und Abortbaracke war kleiner.
Die beiden Teile des Lagers verband ein Steg, der zwischen der Verwaltungs-
und der Wirtschaftsbaracke den Schwarzbach überquerte. Ein zweiter Steg war
geplant, wurde aber nicht mehr gebaut. Da die Federführung für die Errichtung
des Lagers bei der Organisation Todt lag, ist in offiziellen Schreiben entweder 
von der "OT-Baustelle Neckarbischofsheim" oder von der "OT-Baustelle beim
Bahnhof Neckarbischofsheim Reichsbahn" die rede (28).
Das das Gelände östlich der Landesstraße, die Neckarbischofsheim mit dem
Nordbahnhof verbindet, sumpfig war, wurde es anfangs der 30er Jahre drainiert.
Nach der  Belegung des Lagers wurden durch Gefangene die damals gezogenen
Gräben erneut freigemacht, um einer eventuellen Überschwemmung des
Lagergebietes vorzubeugen. Die Baracken selbst mussten wegen des schlechten
Untergrundes auf Betonpfählen gegründet werden. Eine in Neckarbischofsheim
ansässige Firma verlegte Wasser- und Abwasserrohr und goss die Betonplatten,
jedoch - wie es damals üblich war - ohne jede Armierung.
Stützen, Seitenwände und Decken wurden aus sehr stabilen Betonfertigteilen
errichtet. 
Die Zahl der Insassen des Lagers wird mit 80 - 120 angegeben (29), dürfte aber
mit Sicherheit höher gewesen sein (30). Es waren - so weit dies heute noch
feststellbar ist - Deutsche, Franzosen, Russen, Polen, Belgier und Zigeuner (31):
Brot, Fleisch, Milch für die Verpflegung der Wachmannschaft wurde zweimal in der
Woche in Neckarbischofsheim von jeweils zwei Gefangenen unter Bewachung
eingekauft. Da die Lagerküche noch nicht fertiggestellt war, wurde das Essen
für die Häftlinge mit dem Lkw ins Lager gebracht (32). Die Verpflegung der
Gefangenen bestand aus etwas Marmelade, Wurst und Margarine, aus einem
Getränk, das sich "Kaffee" nannte, Brot und einer dünnen Suppe aus Kartoffeln
und verschiedenen Rübenarten (33). "Das Doppelte von dem was wir erhielten,
wäre selbst für einen Mann, der nicht gearbeitet hätte, zu wenig gewesen", sagte
ein Gefangener über die Essensrationen (34). Die Wachmannschaft für das
Außenkommando Neckarelz und seine Unterkommandos bildeten Soldaten
der Luftwaffe, die im September 1944 in die SS übernommen wurden. (35).
Da es sich bei dem Lager Neckarbischofsheim um ein Arbeitslager handelte,
kamen Häftlinge, die nicht nur vorübergehend erkrankt oder arbeitsunfähig waren,
in das Konzentrationslager Dachau (36) und ab Ende Oktober/Anfang November
1944 in das Sterbelager Vaihingen an der Enz (37). Die frei werdenden Plätze
wurde sofort wieder aufgefüllt. Außerdem wurden je nach Bedarf Häftlinge
zwischen den einzelnen Kommandos ausgetauscht (38).
Das zwischen Siegelsbach, Neckarbischofsheim-Nord und Neckarelz sogenannte
"kriegswichtige Güter" transportiert wurden, waren die Bahnstrecke und vor allem
der Bahnhof Neckarbischofsheim-Nord wiederholt Ziel von Tieffliegerangriffen.
In  Siegelsbach wurde in der "Heeresmunitionsanstalt" (HMA) Artilleriemunition
hergestellt. Außerdem wurden dort V2-Raketen zwischengelagert. Tag und
Nacht fuhren die Güterzüge. Allein Ende 1944 wurden monatlich zwischen
15 000 und 25 000 Tonnen von der Bahn für die HMA befördert (39). Darum
haben die Züge auch in der Regel Flak-Geschütze mit sich geführt.
Am 27. Mai 1944 wurde bei einem Tieffliegerangriff der Lokomotiveführer
Philipp Utz aus Neckarelz um die Mittagszeit getötet (40). Am 15. Oktober
wurde am Vormittag ein weiterer Zug angegriffen. Während die Güterzugslokomotive
"durch feindliche Tiefflieger unbrauchbar geschossen" wurde, gab es weder
Tode noch Verletzte, obwohl zu dem Zug sechs Güterwagen mit Italienischen
Gefangenen gehörten. Sie hatten nicht - wie das deutsche Zugpersonal - die
Möglichkeit, in Deckung zu gehen (41). Die Gefangenen waren als Arbeitskräfte
für die HMA in Siegelsbach bestimmt.
Folgenschwerer verlief ein Angriff am 25. November. Dabei wurden drei 
"Schutzhäftlinge", die beiden Polen Stephan Guzek und Jan Sliwinski und der
Russe Johann Janeschewski getötet (42).  Bei Fliegeralarm mussten die im 
Lager anwesenden Häftlinge die Baracken verlassen und sich auf den in 
Richtung Neckarbischofsheim liegenden Feldern verteilen. Man wollte damit
offensichtlich verhindern, dass bei Angriffen auf den Nordbahnhof durch
Bomben, die in das Lager fielen, Häftlinge getötet wurden.
Das Gelände, das durch den Schwarzbach, die Bahnlinie und die Straße in
Richtung Neckarbischofsheim begrenzt wird, wurde dabei durch eine Postenkette
abgesichert. Ob die drei Häftlinge in- oder außerhalb des Lagers getötet wurden,
lässt sich nicht mehr feststellen. Sie wurden noch am gleichen Tag auf dem
jüdischen Friedhof in Binau beerdigt (44), wo jeweils mehrere tote Häftlinge
in einem Grab beigesetzt wurden. Ab Herbst 1944 diente dieser Friedhofals Begräbnisplatz für KZ-Häftlinge (45). Vorher wurden die Toten des Lagers
Neckarelz und seiner Unterkommandos im Krematorium in Heidelberg verbrannt
und die Urnen auf dem Friedhof in Heidelberg-Kirchheim beigesetzt. Wegen
Treibstoffmangel und allgemeiner Transportschwierigkeiten wurde es jedoch
verboten, die toten Häftlinge zu den Krematorien zu bringen. Sie sollten vielmehr
auf den örtlichen Friedhöfen begraben werden, "wenn möglich, an einer 
abgelegenen Stelle." (46) Aus diesem Grund wurde der jüdische Friedhof in
Binau zum Friedhof des Konzentrationslagers umfunktioniert. Über 200 Tote
wurden dort von Oktober 1944 bis März 1945 begraben. Heute erinnert auf dem
Friedhof ein Gedenkstein an die umgekommenen Häftlinge des Lagers 
Neckarelz und seiner Unterkommandos.
Die Häftlinge des Neckarbischofheimer Lagers waren im Barackenbau beschäftigt.
Außerdem arbeiteten sie im Daimler-Benz-Zweigwerk in Obrigheim ("Goldfisch")
und im Hauptwirtschaftslager II der Waffen-SS in Siegelsbach (47).
Der direkte Kontakt zwischen Deutschen und den Häftlingen war verboten.
Alle Anweisungen liefen über die Kapos, die ebenfalls Häftlinge waren. Ihre
Aufgabe bestand darin, die anderen Häftlinge zu beaufsichtigen und zu 
disziplinieren" (48). Zur "Disziplinierung" gehörte, dass die Gefangenen 
geschlagen wurden bei den Appellen auf dem Weg zu Arbeit und bei der
Arbeit selbst (49). 
In Neckarbischofsheim wurden zwei russische Gefangene dabei erwischt, als sie
von einem bereits abgeernteten Weißrübenacker einige liegengebliebene
Weißrüben und Rübenrest mitnahmen. Ein Kapo zwang sie, ihre "Beute" auf den
Boden zu werfen und anschließend schlug er einen der Gefangenen 
mit einer Gerte ins Gesicht (50). Dies gehörte zu den üblichen "Disziplinierungs-
maßnahmen".
Als die alliierte Front immer näher rückte, wurden die Häftlinge des
Konzentrationslagers Neckarelz und seiner Unterkommandos evakuiert. Zunächst
wurden deren Gefangene Ende März 1945 nach Neckarelz gebracht. Von dort
begann dann am 28. März der "Todesmarsch" in das Konzentrationslager Dachau.
Die Häftlinge wurden in mehreren Gruppen aufgeteilt und marschierten über
Neuenstadt und Kupferzell nach Waldenburg. Dort wurden die meisten in Güterwagen
verladen und erreichten am 2. April  Dachau. Eine Gruppe legte den ganzen Weg
zu Fuß zurück und kam Ende April in Dachau an. Mehr als 600 Häftlinge kamen
bei dieser Evakuierungsmaßnahme ums Leben (51). Im Lager Neckarelz I
blieben 887 Häftlinge zurück, die krank und gehunfähig waren. Ihre Fahrt nach
Dachau endete am 31. März in Osterburgen. Eine Weiterfahrt war wegen
zerstörter Gleisanlagen nicht möglich. Die SS verließ mit den Lebensmitteln
den Transport und setzte sich nach Dachau ab. Vier Tage später wurden die
Häftlinge von amerikanischen Truppen befreit. 41 von ihnen erlebten die Befreiung
nicht mehr. (52).
Das Lager Neckarbischofsheim blieb nicht lange leer stehen. Im Januar 1946 erwarb
die Firma Franz Derscheid aus Mannheim die Wirtschafts- und Verwaltungsbaracke,
um beim Nordbahnhof einen Industriebetrieb anzusiedeln. Parallel zu den beiden
Baracken wurden zwei weitere errichtet. Das Material stammte zum großen Teil
noch von der ehemaligen OT-Baustelle (53). Die Firma Derscheid betrieb in den
Baracken ein Sägewerk und stellte Leichtbauplatten her. Für die neue Firma
wurde sogar im Jahr 1947 ein Anschlussgleis gebaut. Knapp drei Jahre später
veröffnete sie jedoch den Konkurs (54).
In den ehemaligen Unterkunftsbaracken wurden zunächst Heimatvertriebene
untergebracht. Nach und nach kamen die Baracken in Privatbesitz. Die meisten
wurden von ihren neuen Besitzern in Ein- bis Dreifamilienhäuser umgebaut.
Neue Einfamilienhäuser kamen hinzu. So entstanden aus dem Arbeitslager
Neckarbischofsheim der Waibstadter Ortsteil Bernau und die zu
Neckarbischofsheim gehörende Schwarzbachsiedlung.
Anmerkungen:
(1) Comite national pour l'erection et la conservation d'un memorial de la deporation
     au Struthof (Herausgeber):_ "K.Z.Lager Natzweiler-Struthof". Aus dem
     Französischen übersetzt von Barbara Faust (zitiert: K.Z.Lager Natzweiler-Struthof),
     2. Aufl., 1964, S 53.
(2) ebd. S 51
(3) Herwart Vorländer (Herausgeber): "Nationalsozialistische Konzentrationslager
      im Dienst der totalen Kriegsführung - Sieben württembergische Außenkommandos
      des Konzentrationslagers Natzweiler/Struthof" (Veröffentlichungen der
      Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Reihe B,
      Forschungen, 91. Band), Stuttgart 1978 (zitiert: Vorländer), S 2
(4) K.Z.Lager Natzweiler-Struthof, S 50.
(5) ebd. S 53.
(6) "Eugen Kogon zählt Natzweiler neben Auschwitz, Buchenwald, Dachau, Ravens-
      brück zu den Lagern, in denen die schrecklichsten Experimente gemacht
      wurden." (Vorländer, S 6).
(7) K.Z. Lager Natzweiler-Struthof, S 50.
(8) ebd.
(9) Vorländer, S 3, Anmerkung 8
(10) ebd. S 9
(11) Julius Schätzle: "Stationen zur Hölle - Konzentrationslager in Baden und
     Württemberg 1933 - 1945", 2. Aufl., Frankfurt 1980, S 180.
     Das Lager Neckarelz mit seinen Unterkommandos entwickelte sich in den 
     folgenden Monaten zum größten Außenkommando des KZ Natzweiler mit 
     zeitweise über 3000 Häftlingen (Michael Schmid: "GOLDFISCH, Gesellschaft
     mit beschränkter Haftung. Eine Lokalhistorie zum Umgang mit Menschen"
    in: "Das Daimler-Benz-Buch. Ein Rüstungskonzern im 'Tausendjährigen Reich'  ".
    Herausgegeben von der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 
    20. Jahrhunderts - zitiert: Schmid - S 493).
(12) Wer sich eingehender über das Konzentrationslager Natzweiler-Strufhof
    informieren möchte, sei neben der oben angegebenen Literatur noch 
   verwiesen auf Jürgen Ziegler: "Mitten unter uns - Natzweiler-Struthof: Spuren
   eines Konzentrationslagers ", Hamburg 1986.
(13) Rainer Fröbe: "Wie bei den alten Ägyptern.' Die Verlegung des Daimler-Benz-
   Flugzeugmotorenwerks Genshagen nach Obrigheim am Neckar 1944/45" in:
   "Das Daimler-Benz-Buch. Ein Rüstungskonzern im 'Tausendjährigen Reich'  "
   (zitiert: Fröbe), S 401,
(14) ebd. S 402
(15) ebd. S 402f
(16) Das Lager Neckargerach war ein ehemaliges Reichsarbeitsdienstlager.
(17) Fröbe, S 427.
(18) Wer sich eingehendere über das Projekt "Goldfisch" informieren möchte, sei 
    neben dem Aufsatz von Rainer Fröbe auch auf den von Michal Schmid verwiesen.
(19) Schmid, S 493.
(20) Fröbe, S 427
(21) Florian Aicher: "Franz W. Seidler, Fritz Todt - eine Biographie oder Die
   verschenkte Chance, dem Verhältnis von Macht und Technik nachzugehen"
   (eine Besprechung des Buches von Seidler: "Fritz Todt. Baumeister des
   Dritten Reiches"), in: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt 11/1987
   (zitiert Aicher, DS).
(22) Franz W. Seidler: "Fritz Todt - Vom Autobahnbauer zum Reichsminister", 
  in: Ronald Smelzer/Rainer Zitelmann: "Die braune Elite, Darmstadt, 2. Auflage
  1990, S 303.
(23) ebd. S 306
(24) Aicher, DS.
(25) Fröbe, S 427/1
(26) Schreiben Nr. 1214/44 vom 11.10.1944, SWEG-Archiv, Dörzbach.
(27) "Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu den Stätten des Widerstandes und
   der Verfolgung 1933-1945": Band 5. Baden-Württemberg I. Regierungsbezirk
   Karlsruhe und Stuttgart. Herausgegeben vom Studienkreis: Deutscher
   Widerstand (zitiert: Heimatgeschichtlicher Wegweiser), 1991, S 137
(28) Z.B. Schreiben Nr. 1214/44 vom 11.10.1944; Schreiben der Bahnverwaltung
  Neckarbischofsheim Stadt vom 22.11.1944. Beide SWEG-Archiv, Dörzbach
(29) Im Lager Neckarelz I standen für die etwa 1000 Gefangenen 330 Quadratmeter
  Fläche zur Verfügung, je Häftling als 0,33 Quadratmeter. Damit man so viele
  Menschen auf einer so geringen Fläche unterbringen konnte, schliefen sie auf
  einer dreistöckigen Holzvorrichtung (Schmid, S 502). Außerdem konnte bei
  Schichtbetrieb jeder Liegeplatz doppelt genutzt werden (Fröbe, S 408). Selbst
  wenn man im Lager Neckarbischofsheim 80-120 Gefangene in nur einer
  Baracke untergebracht hätte, wäre jedem mehr als das Dreifache der Fläche
  zugekommen, die den Häftlingen in Neckarelz zustand. Dies ist kaum vorstellbar,
  bei dem ständigen Mangel an Unterkunftsräumen. Meines Erachtens ist deswegen
  von einer stärkeren Belegung des Lagers Neckarbischofsheim auszugehen.
(31) Information durch Zeitzeugen - Unter den Gefangenen soll sich auch der
  Bürgermeister von  Brüssel befunden haben.
(32) Information durch Zeitzeuge.
(33) Schmid, S 503
(34) ebd
(35) Heimatgeschichtlicher Wegweiser, S 100/2
(36) Schmid, S 504
(37) Heimatgeschichtlicher Wegweiser, S 137/2
(38) ebd. S 137. Schmid, S 489
(39) Hans Markus Beisel: "Die Eisenbahn in Neckarbischofsheim" in:
    "Villa Biscovesheim - Neckarbischofsheim, 988-1988", Neckarbischofsheim,1988
     S 264:
(40) Sterberegister der Stadt Waibstadt Nr. 21/1944
(41) Schreiben Nr. 1223/44 vom 15.10.19944. SWEG-Archiv, Dörzbach.
(42) Sterberegister der Stadt Waibstadt Nr. 34-36/1944
(43) Information durch Zeitzeuge
(44) Sterberegister, der auf dem hiesigen jüdischen Friedhof beerdigten
   K.Z.Häftlinge der Gemeinde Binau.
   Schreiben des Bürgermeisters Binau an das Standesamt Neckarelz vom
   11.12.1946.
(45) Heimatgeschichtlicher Wegweiser, S 88/1
(46) K.Z.Lager Natzweiler-Strufhof, S 75f
(47) Heimatgeschichtlicher Wegweiser, S 137/1
(48) Fröbe, S 437.
(49) Schmid, S 504.
(50) Information durch Zeitzeuge
(51) Schmid, S 508
(52) ebd.
(53) Schreiben Nr. 136/46 vom 25.01.1946, SWEG-Archiv, Dörzbach.
(54) Nach einer Aufsstellung der Nebenbahn Neckarbischofsheim-Hüffenhardt,
  ohne Datum, SWEG-Archiv, Dörzbach.

Für den interessierten Leser möchte ich besonders empfehlen: Jacques Barrau:
"Dessins d'un camp - Zeichnungen aus einem Lager. Le camp de Neckarelz -
Das Konzentrationslageraußenkommando Neckarelz", 1992. Das in
französisch und deutscher Sprach erschiene Buch mit 34 Zeichnungen ist zu
beziehen durch den Vorsitzenden des Vereins "KZ-Gedenkstätte Neckarelz",
Richard Melling, Lohrtalweg 77, 74821 Mosbach.