"Ich mußte tun, was befohlen wurde"
Die "Reichskristallnacht" in Nordbaden - Auftakt zum organisierten
Völkermord
(Artikel aus der Rhein-Neckar-Zeitung vom 9.11.1988)

Höhnisch und frech schrie Susanna Stern dem Adolf Heinrich Frey ins
Gesicht: "Ich stehe nicht auf und ziehe mich nicht an." Das war dem
Eberstadter Landwirt zuviel. Langsam zog er seine Pistole aus der
rechten Hosentasche und gab zwei Schüsse ab. Die 81 jährige fiel zu
Boden. "Damit ich aber ganz sicher war, daß die Stern tot ist, habe ich
auf die Daliegende in einer Entfernung von 10 cm einen Schuß in die Mitte
der Stirn abgefeuert", berichtet der Landwirt später. Das durfte er.
Denn Heinrich Frey war Ortsgruppenleiter der NSDAP in Eberstadt.
Susanne Frey war Jüdin.

Zur gleichen Zeit erhielt Heinrich Sauer, Lehrling der Weinheimer
Sprengstoffhandlung Keller, den Auftrag 25 Kilo Gelatine Donarit in
die dortige Ehretstraße Nr. 5 zu liefern. "Ich wußte nicht, daß da die
jüdische Synagoge stand", so Sauer ein halbes Jahrhundert später:
"Als Lehrling mußte ich machen, was mir befohlen wurde." Sauer
lieferte seine Ware am Morgen des 10. November 1938 ab. Vor der
Synagage wurde er vom Sohn des Ladenbesitzers, Hermann Keller,
empfangen. Karl Maier, ebenfalls Angestellter der Firma Keller, hatte
Zündkapseln und Schnüre besorgt. Im Innern des Gebäudes hatten
SA-Männern schon mit Äxten und Beilen gehaust. Einer kletterte auf
die Synagogenkuppel, sägte den Davidstern ab. Eine "saubere"
Angelegenheit, gab Hermann Keller später zu Protokoll. Von der Synagoge
blieben nur Steinhaufen übrig. Heute sieht er die Sache anders: "Das
war ein Fehler, aber bei Befehlsverweigerung wäre ich ins KZ gekommen."

Den Befehlen ihrer Lehrer folgten auch mehrere Mosbacher Schulklassen,
die am Morgen des 10. Novembers auf den Marktplatz geführt wurden.
Dort verbrannte man die Einrichtung der örtlichen Synagoge. Hunderte
Bürger sahen im Kreis versammelt zu.
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Der Marktplatz am 10.November 1938. Schulklassen werden
zur Verbrennung der Synagogeneinrichtung geführt.


Berufsschulklassen wurden von ihren Lehrern angehalten, mitzumachen
beim "Volkszorn" als Rache für den Mord des Herschel Seibel Grünzspan.(*) Fensterscheiben zerbarsten, Wohnungen wurden kurz und klein geschlagen.Der Auftakt zum organisierten Völkermord. Vollzogen in
- Mannheim, Heidelberg, Weinheim, Ladenburg, Wiesloch, Mosbach,
Eberstadt, Bruchsal, Karlsruhe, Hockenheim, Ludwigshafen und in
Tausenden anderer Orte des Deutschen Reiches.

Max Oppenheimer - ein Jude, wie der Name auch damals schon sagte -
hatte es "gut". Ein Wieslocher Bürger denunzierte ihn am 10. November,
dem Tag.dem er nie vergißt: Oppenheimer reiste aufgrund eines Hilfe-
rufes seiner Mutter von Frankfurt nach Wiesloch. Was er sag, war Haß
und Zerstörung: aber auch "betretene Gesichter". In Wiesloch angekommen,
waren sein Bruder und sein Vater schon verhaftet. Max Oppenheimer
"räumte" zu Hause "auf". Zwei, drei "arische" Freunde halfen. Am
Mittag war es soweit. Der Ortpolizist holte ihn ab. Jemand hatte
Oppenheimer angezeigt. Sein Weg führte über Karlsruhe, Bruchsal
("Dort kamen zahlreiche Juden mit schweren Verletzungen in den Zug.
Draußen war ein höhnisches Gröhlen zu hören") ins KZ Dachau.
Mit Oppenheimer wurden 2000 Juden dorthin deportiert, geschlagen
getreten . Wer aber eine Verletzung hatte, durfte nicht entlassen werden
und gegen Geld wieder freigelassen. Der Weg ins KZ wurde von
Peitschenhieben - die SS stand links und rechts Spalier - und
Stockschlägen begleitet.
Oppenheimer überlebte. Er wurde von einer Schweizerin freigekauft.
Sein Vater war einer von 13 000, die in Majdanek an einem Tag
erschossen wurden. Sein Bruder verhungerte - vier Tage vor der
Befreiung - in Buchenwald.
Von dort und aus Dachau kamen bereits im Winter 1938/39 die ersten
Särge und Urnen zurück. Die Scherben der zerschlagenen Schaufenster
waren gerade weggeräumt. Der damalige Rabbiner Richter: "Es wurde
uns verboten, die Särge zu öffnen, und fast täglich hatten wird die
traurige Pflicht, auf den Friedhof zu gehen, an der zerstörten Kapelle
vorbei, um den Toten die letzte Ehre zu erweisen."

Ehre für die Opfer - Strafe für die Täter. Bei dem Landwirt Adolf
Heinrich Frey handelte es sich nach Auffassung der Staatsanwaltschaft
Mosbach "um einen anständigen und arbeitsamen Burschen, der einen
guten Ruf genießt". Als Frey die Jüdin Stern erschoß, war er gerade 26
Jahre alt. Am 2. Oktober 1940 wurde ein gerichtliches Verfahren wegen
Totschlags gegen ihn niedergeschlagen. Elf Jahre später begann Frey
in Adelsheim bei Buchen Selbstmord.

Hermann Keller wanderte 1945 für zweieinhalb Jahre ins Zuchthaus.
Sein damaliger NS-Vorgesetzter, Sturmbannführer Schmidgall, stand
als Zeuge für die Anklage zur Verfügung: Er selbst habe das
"eigenmächtige Handeln" der SA-Leute in Weinheim gebrandmarkt.
Mittäter Maier bekam zwei Jahre Zuchthaus.

 

Anmerkung: Am 7. November 1938 schoß Herschel Grünspan, ein
17jähriger polnischer Jude, der in Paris lebte, auf den deutschen
Gesandtschaftsrat in Paris, Ernst von Rath. Der Diplomat erlag
am 9. November 1938 seinen Verletzungen. Als Motiv für seine
Verzweiflungstat gab Herschel Grünspan die Ausweisung seiner Eltern
aus Hannover nach Polen an. Am 28. Oktober waren 17 000 in
Deutschland lebende Juden polnischer Staatsangehörigkeit verhaftet
und anschließend an die deutsch-polnische Grenze deportiert worden.