Der befohlene "Volkszorn" im Kraichgau
Bei der "Reichskristallnacht" vor 50 Jahren blieb kein jüdisches
Gotteshaus verschont - Aktionen von SA und NSDAP
(Artikel aus der Rhein-Neckar-Zeitung vom 9.11.1988)

"Wie ein läuternde Flamme", so beschwor Schriftleiter Erwin Hebel
in der Sinsheimer Ausgabe der "Volksgemeinschaft" im Frühjahr 1938
den Geist des Nationalsozialismus, bahne sich die "Erkenntnis des
Guten, Edlen und Wahren" ihren Weg durch das Kraichgau. "Zu
lichter Höhe" würden die Deutschen in Gefolgschaft des Führers
geleitet. Einen Eindruck von der "läuternden Flamme" und der "lichten
Höhe", die der NS-Schreiber in seinem ideologischen Pathos bemühte,
gab es wenige Monate später: Auch im Kraichgau wurden die Synagogen
von SA-Leuten zerstört und das Inventar demoliert. In vielen Gemeinden
des Kraichgau wurden Juden geschlagen, gedemütigt, die ersten
deportiert. Nur dort, wo es weder Synagoge noch eine jüdische Gemeinde
gab, blieben die einzelnen Israeliten vom "Volkszorn" verschont.

Der deutsche Legationsrath Ernst von Rath, auf den der junge Jude
Herschel Grünspan in Paris aus Erbitterung über das seiner Familie
zugefügte Leid geschossen hatte, war erst wenige Stunden tot, als
über den Fernschreiber der NS-Stellen in ganz Deutschland das
Fernschreiben tickerte: "Es werden in kürzester Frist Aktionenen
gegen Juden, insbesondere gegen deren Synagogen stattfinden.
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                             Brand der Altstadtsynagoge in Heidelberg, Mantelgasse 10, 10. November 1938

" Die Anweisung ging noch am Mittwoch, 9 November, in der Sinsheimer
Kreisleitung der NSDAP in der Schulstraße ein. Von hier aus wurden
die einzelnen Ortsgruppenleiter informiert, die wiederum die örtliche
SA-Führer mobilisierten. Während in den Großstädten sich der
angeordnete "Volkszorn" noch in der folgenden Nacht entlud, bedingte
die Organisationstruktur von NSDAP und SA in den 53 Gemeinden
des Amtsbezirkes Sinsheim, daß die aufgehetzten Nazis im Kraichgau
erst am Donnerstag morgen an ihr Werk gingen. Sie taten dies gründlich:
Keine Synagoge blieb verschont. Lediglich in jenen Orten, in denen
die jüdischen Gotteshäuser bereits zuvor nicht mehr als Gebets und
Versammlungsort dienten, ließ man die Gebäude ungeschoren.

Die SA-Führer, die sonst ihre Uniform stolz zur Schau trugen, ließen
diesmal braunes Hemd und Hose im Schrank. Der "Volkszorn" sollte
als Aufwallung der Bevölkerung gegen die Juden auch äußerlich zur
Geltung kommen und nicht allzu schnell als reines NS-Programm
durchschaut werden. Zudem hatte man jeden SA-Trupp mit aus-
wärtigen SA-Mitgliedern durchsetzt, um ja nicht der Gefahr ausgesetzt
zu sein, die örtlichen Parteigenossen könnten eventuelle Milde gegenüber
ihnen bekannten Juden an den Tag legen.
Wieviel SA-Leute an jenem Morgen im Kraichgau zum Einsatz kamen,
ist schwer zu sagen. Nach Augenzeugenberichten läßt sich ihre Zahl auf
200 schätzen. Hinzu kamen NSDAP-Mitglieder in etwa gleicher Stärke.
Die übrige Bevölkerung hielt sich in aller Regel als passiver Zuschauer
zurück. Erst als dann die Synagogen dem Erdboden vollends
gleichzumachen waren und Schutt und Asche abtransportiert werden
mußten, zog man meist die Bauern aus den einzelnen Orten heran.
Sie wurden anschließend mit Freibier entlohnt.

In der Amtstadt Sinsheim, vor der Machtergreifung" eine demokratische
Hochburg, hatte die NSDAP eine straffe Organisation aufgebaut.
Bürgermeister Eugen Rieg, Stadtoberhaupt seit 1933 und zugleich
NSDAP-Ortsgruppenleiter, reihte sich selbst in den Trupp der SA-Männer
ein, der am frühen Donnerstagmorgen mit nationalsozialistischen Kampf-
liedern auf den Lippen zur Synagoge in der Kleinen Grabengasse zog.
Zunächst sollte die Synagoge angezündet werden, jedoch die Anwohner
protestierten gegen dieses Vorhaben, da einerseits die Schreinerei Wirth,
andererseits eine mit Heu und Stroh gefüllte Scheune angrenzten, so daß
leicht eine großer Brand hätte entstehen können. Daraufhin kletterten
die Synagogenstürmer auf das Dach, waren die Ziegel herunter und
zerschlugen die Dachlatten und Sparren. Andere zertrümmerten mit
Äxten, Hämmern und Sägen das Inventar. Stühle, Bänke, Vorhänge, der
Thoraschein mit den Thorarollen, die aufgerollte und wie Tapeten
um die Synagoge geschleift wurden, der weinrote Samtvorhang des
Thoraschreins, die Gemeindeprotokolle, Gebetsteppich und Bücher
wurden auf Wagen geworfen und zum "Robert-Wagner-Platz", dem
heutigen Platze vor der Stadthalle abtransportiert. Dort wurde alles auf
einen Haufen geworfen und verbrannt. Die älteren Schüler der 
Sinsheimer Schulen mußten geschlossen zum Platz marschieren, einen
großen Kreis um das Feuer bilden und "Die Fahne hoch" singen.

Während der Hauptteil der Synagogenzerstörer in der Grabengasse
aktiv war, drangen einige in das bereits seit längerer Zeit geschlossene
Textilgeschäft von Max Kohn an der Adolf-Hitler-Straße ein, um hier ihre
Wut an dem Eigentum der alten Kohns und deren kranker Tochter Erna
auszulassen. Die Ladeneinrichtung wurde zerschlagen und das Bettzeug
mit Messern aufgeschlitzt. Besonders hervorgetan haben sich ein
Sinsheimer Metzger und ein Schmiedemeister. Diesen trat jedoch
unbeherzt und wütend der Nachbar der Kohns, der Metzgermeister
in der Hand, in den Weg und drohte ihnen auf sie einzustechen, wenn sie
nicht schleunigst das Feld räumen würden. Die zwei Rabauken
bekamen es mit der Angst zu tun und rückten ab. Für sein mutiges
Eingreifen wurde Adam Schiele für drei Wochen in Heidelberg im
"Faulen Pelz" inhaftiert. Nach diesem Vorfall kauften nur noch wenige
Sinsheimer Familien in der "Judenmetzgerei" Schiele ein.
Unmittelbar nach der Zerstörung der Synagogen nahmen sich die
SA-Leute den Judenfriedhof vor. Von den 80 Grabmalen wurden 19 total
zerstört, die übrigen Steine beschädigt und umgeworfen

In mehreren Gemeinden des Kraichgaus fieberten die SA-Trupps
förmlich dem Zeichen zum Sturm auf die Synagogen entgegen -
Eschelbronn etwa, wo Eugen Laule als Obersturmbannführer die größte
SA-Einheit des Amtsbezirks um sich geschart hatte. Allerdings fanden
die braunen Großmäuler im Dorf selbst nicht die richtigen Opfer, denn
in Eschelbronn gab es keine jüdische Gemeinde. Dafür waren die
Israeliten in Neidenstein um so zahlreicher vertreten. Die Juden hatten
hier 1831 eine der größten Landessynagogen Badens errichtet. unterhielten
eine Volksschule und hatte sogar eine eigene Bäckerei. Noch 1933 saß
ein Jude im Gemeinderat, gehörten dem Bürgerausschuß sechs
Israeliten an. Daß die Neidensteiner in ihrer Mehrzahl zudem trotz der
nationalsozialistischen Hetzpropaganda mit den Juden gut auskamen, war
den Eschelbronner SA-Leuten ein besonderer Dorn im Auge. "Wie die
Wilden", so ein Augenzeuge, gebährdeten sich am Morgen des
10. Novembers die SA-Schergen aus Eschelbronn und Neidenstein an
der Synagoge im Kirschgraben bei der "Sonne". Die Synagoge wurde
geschleift, das Inventar zerstört und die Ruine später von einem
Privatmann zu einem Stall umgebaut.
Eugen Laule selbst war 1938 zum Bürgermeister in Waibstadt avanciert
und trat in vielen Parteigremien als fanatischer Nazi auf. In seinem
neuen Wirkungsort konnte er sich allerdings kaum als Judenfeind
entfalten, denn auch dort gab es nur wenige Israeliten. Daher hatte man es
in der "Reichskristallnacht" auf den großen jüdischen Verbandsfriedhof
auf Waibstadter Gemarkung abgesehen. Teilnehmer eines Landschulheimes
zogen in den Mühlbergwald und stießen dort Grabsteine um und
beschädigten den Innenraum des Mausoleums Weil schwer. In Waibstadt
selbst kam es zu keinen Ausschreitungen gegen Juden.

Waibstadter SA-Leute waren indes dabei, als es in Hoffenheim gegen die
Synagoge ging. Auch dort stand eine große SA-Einheit für
Gewalttätigkeiten startklar. NSDAP-Ortsgruppenleiter Heinrich Bender
hatten den Einwohnern in vorauseilendem Gehorsam schon jeden
geschäftlichen Verkehr mit den Juden verboten. Wer sich nicht daran hielt,
wurde als "Judenfreund" durch öffentlichen Aushang im "Stürmerkasten"
diffamiert. Schon drei Jahre vor der "Reichskristallnacht" hatte der
Ortsgruppenleiter zusammen mit dem Lehrer und dem Ratsschreiber
einen nächtlichen Überfall auf die Synagoge durchgeführt. Damals hatte
der evangelische Pfarrer den Vorfall noch am Sonntag darauf von der
Kanzel herab gegeißelt - im November 1938 war dies nicht mehr möglich.
Zunächst nahmen sich die SA-Leute den großen Kronleuchter der Synagoge
vor, der heruntergeschlagen wurde. Dann wurden die Scheiben des
Gebäudes eingeschlagen und schließlich das Gotteshaus abgetragen.
Anzünden konnte man es nicht, da rundherum Wohnhäuser standen.
Aber die Balken und das Inventar trug man zum Ortsausgang in Richtung
Sinsheim und brannt es an. Aber erst nach mehreren vergeblichen
Versuchen finden auch die Thora-Rollen Feuer. Als "ein Gott wohl-
gefälliges Opfer" charakterisierte ein Landwirt, der gerade vom Feld
heimkam das Feuer - "denn der  Rauch steigt senkrecht nach oben."

In Berwangen, wo die Juden ein staatlichen Gottetshaus nach dem Vorbild
der Synagoge in Neckarbischofsheim gebaut hatten, wagte es die
SA-Truppe ebenfalls nicht, das Haus wegen der angrenzenden
Bebauung anzuzünden. Bürgermeister Friedrich Gebhard wollte die
aufgehetzten Parteigängen sogar ganz abhalten, Hand an das Gebäude
zu legen, stieß aber auf taube Ohren bei den überwiegende auswärtigen
SA_Leuten. Die zerstörten die Synagoge, holten das Mobilar
ausgewanderter Juden aus dem Schulgebäude und brannten es auf dem
Sportplatz an. Die greifbaren Juden wurden mit Gummiknüppeln
zusammengeschlagen und die Häuserwände jüdischer Wohnungen mit
Parolen beschmiert. Auch in Grombach mußte ein auswärtiger
SA-Trupp herbeigeführt werden, da die Bevölkerung in ihrer über-
wiegenden Mehrheit nicht judenfeindlich eingestellt war. Die
SA demolierte die Synagoge in der Hauptstraße und wütete im
Lebensmittelgeschäft von Julius Strauß. Dennoch ließen die Grombacher
die Kontakte zu den Juden nie ganz abreißen. Bürgermeister
Friedolin Utzmann sorgte dafür, daß die geplante Deportation nach
Gurs immer wieder verschoben wurde.
War das Verhältnis der Neckarbischofsheimer Bürger zu den Juden
in früheren Jahrhunderten eher gestört, so hatten sich die Beziehungen
in den Jahrzehnten vor der "Machtergreifung" weitgehend freundlich
gestaltet. Die Nazipropaganda machte dies aber wieder schnell zunichte,
und die "Reichskristallnacht" sorgte dann vollends für das Ende der einst
blühenden jüdischen Gemeinde. Nicht einmal drei Dutzend Juden lebten
noch in dem Städtchen, als in der Frühe des 10.Novembers der SA-Trupp
anrückte, die Synagoge in der  Schulstraße sowie die unweit gelegene
Religionsschule einriß. Inventar und Thora-Rollen wurden unter den
Augen der Feuerwehr eingeäschert.
Nur an einer Synagoge im Kraichgau wurde regelrecht Feuer gelegt:
An das jüdische Gotteshaus in Eppingen. Die wohlhabende jüdische
Gemeinde hatte sich 1872 eine große Synagoge in der Kaiserstraße
erstellt. Beim Bau orientierte man sich an den Plänen für die Synagogen
in den größeren Städten Als 1938 der SA-Trupp anrückte zählte die jüdische Gemeinde nur noch eine Handvoll Mitglieder. Die Synagoge
brannte bis auf die Grundmauern nieder; die wenigen Fensterscheiben,
die erhalten blieben, dienten am Tag darauf als Zielscheiben für
Steinewerfer. Auch der Friedhof wurde geschändet und völlig zerstört.

Ganz übel hausten die SA-Leute in Hüffenhardt, wo die Synagoge
zeitweise auch von den Wollenberger Juden mitbenutzt worden war.
Zunächst wurde der Innenraum ausgeräumt, und dann mit Tauen und
Winden unter Anleitung von Fachleuten der Fachwerkbau eingerisssen.
Die Schulkinder hatten unterrichtsfrei und nahmen unter der Führung
ihres Lehrers an der Aktion teil. Für den Abend organisierte man eine
"Feierstunde", bei der zum Feuerschein der Thora-Rollen der
Bürgermeister eine Ansprache hielt.

Nur jene Synagogen im Kraichgau überstanden die "Kristallnacht",
die bereits vor dem November 1938 ihre Funktion verloren hatten.
In Bad Rappenau war die kleine Synagoge 1937 verkauft worden.
Am 10. November beschränkten sich die natioalsozialistischen
Aussschreitungen deshalb auf einen "Überfall" auf ein jüdisches
Geschäft, dem die Fensterscheiben eingeworfen wurden.
In Stebbach war die Synagoge schon vor der Jahrhundertwende
nicht mehr für Gottesdienste genutzt worden, in Ehrstätt hatte man nach
Auflösung der jüdischen Gemeinde  im Jahre 1912 die Synagoge verkauft.
Auch in Eichtersheim, Obergimpern, Rohrbach bei Sinsheim, Steinfurt
und Siegelsbach
hatten die ehemals jüdischen Gotteshäuser schon vor
der "Kristallnacht" den Besitzer gewechselt. In allen übrigen Gemeinden
gab es teilweise schon lange keine jüdischen Glaubensgemeinden mehr.

Eine Sonderrolle in mehrfacher Hinsicht spielte Heinsheim in den 30er
Jahren. Dort hatten die Juden schon früh ein eigenes Gotteshaus und einen
Friedhof, der mit seinen über 1000 Grabstätten zu den größten jüdischen
Verbandsfriedhöfen Süddeutschlands gehörte. Das Verhältnis zwischen
JUden und Christen in Heinsheim galt seit Urzeiten als ausgesprochen gut,
und der örtliche SA-Sturmbannführer zählte sogar eine jüdische Familie
zu seinem Freundeskreis. Nicht zuletzt deshalb kam es vermutlich zu
keinen Ausschreitungen auf dem Friedhof beim Zimmerhof. Die Synagoge
hatte die in derAuflösung begriffene Glaubensgemeinde bereits anfangs
1938 verkauft. Die von außerhalb angerückten SA-Leute mußten sich
daher auf die Demolierung einiger jüdischer Wohnungen beschränken.
Der Friedhof wurde auch in den Folgejahren nicht angetastet, obwohl die
politische Gemeinde mehrmals angehalten wurde, die Gräber einzuebnen
und die hektargroße Fläche landwirtschaftlich zu nutzen. Nicht einmal
das schmiedeeiserne Tor wurde wie befohlen abmontiert und für
Rüstungszwecke verwandt. Derartiger passiver Widerstand gegen die
Machthaber bildete aber die große Ausnahme im Kraichgau.
50 Jahre nach den unheilvollen Ereignissen der "Reichskristallnacht"
bleiben die Gedenktafeln die einzigen Erinnerungen an die frühere
gemeinsame Geschichte von Juden und Christen im Kraichgau. Wenn sie
als Mahnung zu Toleranz und Achtung gegenüber allen Mitmenschen
verstanden werden, mag das Sinnlose in der Vergangenheit wenigstens
einen Sinn für die Zukunft ergeben.