Der Beginn eines jahrelangen Leidensweges
Vortrag des Heimatvereines zum Jahrestag der Deportation am 22. Oktober nach Gurs
(Artikel aus der Rhein-Neckar-Zeitung vom 21.10.1989)

Neidenstein.
"Nach Durchführung der Aktion kann ich Ihnen mitteilen, daß aus Baden
am 22. und 23.10.1940 mit sieben Transportzügen und aus der Pfalz am
22.10.1940 mit zwei Transportzügen 6504 Juden im Einvernehmen mit
den französischen Behörden, in den unbesetzten Teil Frankreichs gefahren
wurden."
Mit diesem nüchternen Bericht meldete Reinhard Heydrich, Chef der
Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes, eine Woche später den
"reibungslosen und ohne Zwischenfälle abgewickelten" Vollzug der
Deportation fast aller Juden aus dem badischen Raum in das
südfranzösische Gurs. Dieser Massenverhaftung fielen auch die letzten
19 Mitglieder der ehemals beachtlichen jüdischen Gemeinde in Neidenstein zum Opfer.
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Über 6000 Juden wurden am 22. Oktober 1940 nach Gurs transportiert
Der Arzt Kurt Weigert berichtet später: "Einem Krankenhauspatienten mußte ich zum Transport den für ihn

nötigen Dauerkatheter entfernen.
Im israelischen Krankenhaus Krankenhaus Manneheim herrschte Chaos. Mindestens dreiviertel der

Kranken waren verschleppt.  Dr. Neter, Vorstand der   Kultusgemeinde, war frewillig mitgegangen, ebenso
Oberin Schwester Pauline Maier, sogar entgegen dem Befehl der Gestapo.
(entnommen aus der Rhein-Neckar-Zeitung Ausgabe 09.11.1988)

Diese Deportation nach Südfrankreich ist im Bereich des heutigen
Baden-Württemberg die zweite große Aktion der Nationalsozialisten
gewesen, sich unerwünschter "Nichtarier" durch gewaltsame Ausweisung
zu entledigen. Sie erinnert in vielem an die Abschiebung der polnischen
Juden aus Baden Im Herbst 1938. Doch handelt es sich dieses Mal, von
wenigen Ausnahmen abgesehen, um deutsche Staatsangehörige, in der
überwiegenden Mehrheit um alteingesessene badische, pfälzische und
saarländische Juden. Im Oktober 1938 hatte man bei der Aktion gegen
die polnischen Juden nur Männer über 18 Jahre abgeschoben. Jetzt
bezog man alle Juden in die Aktion ein, gleichgültig ob Erwachsene,
Kinder oder alte Leute. Ausgenommen blieben nur transportunfähige
Kranke, ausländische "Nichtarier" und Juden, die in Mischehen lebten.

Die Deportation ist von Regierungsstellen und von der Gestapo von
langer Hand vorbereitet worden - der entscheidende Erlaß des
Badischen Innenministeriums an die Landratsämter datiert vom
15. Oktober 1940 - blieb bis zum Tage der Durchführung streng geheim.
Die Betroffenen wurden von ihrer Ausweisung meist erst unmittelbar
vor der Festnahme und dem Abtransport unterrichtet. Die Frist, die
ihnen für die Vorbereitung blieb, war in den einzelnen Orten sehr
unterschiedlich und betrug zwischen 15 Minuten und wenigen Stunden.
Die Ausgewiesenen hatten of kaum Möglichkeit, die notwendigen
Habseligkeiten - 50 kg Gepäck und 100 Reichtsmark in Bargeld pro
Person waren erlaubt - zusammenzusuchen. Bestürzung und Verzweiflung
waren allgemein. Eine Reihe von Betroffenen machte ihrem Leben durch
Selbstmord ein Ende. Die festgenommenen Juden wurden mit Omnibussen
und Lastwagen zu Sammelplätzen in die größeren Städte gebracht und
von dort in Güterzügen über Mühlhausen und Belfort in das unbesetzte
Frankreich abgeschoben. Bis zur Grenze des besetzten französischen
Gebiets begleiteten Gestapobeamte und SS-Männer die Züge.
Die französische Regierung in Vichy war von der Aktion völlig
überrascht worden. Sie gab Anweisung, die Ausgewiesenen in dem
Internierungslager Gurs an der Pyrenäengrenze, das 1939 für Flüchtlinge
des Spanischen Bürgerkrieges eingerichtet worden war, provisorisch
unterzubringen.
Hintergrund der Deportation der badischen Juden, denen auch die übrigen
270 000 Juden aus dem Altreich, aus Österreich und aus der Tschechei
folgen sollten.war der sogenannte Madagaskar-Plan. Dieser Plan sah vor,
die Juden aus dem deutschen Machtbereich nach der großen, Ostafrika
vorgelagerten Insel zu verbringen und sie dort in einer Art Kolonie unter
deutscher Aufsicht anzusiedeln. Dies erwies sich jedoch als
Fehlspekulation. Die französische Regierung protestierte sofort gegen die
völkerrechtswidrige Maßnahme und forderte wiederholt die Rückführung
der deutsche Juden. Dadurch unterblieben weitere Deportationen nach
Südfrankreich. Zu einer Rückbeförderung ihrer Staatsangehörigen
fand sich die deutsche Regierung allerdings nicht bereit. So blieben
6500 Juden als unerwünschte Ausländer im Lager Gurs.
Die Verhältnisse in diesem Lager waren unerträglich. Unterbringung
und Verpflegungen waren völlig unzureichend. Während des Winters
verwandelte sich das Lager in eine berüchtige Schlammhölle. Seuchen
Epidemien und Ungezieferplagen breiteten sich ungehindert aus.
Hunderte überlebten nicht einmal die ersten Monate. ...
Vichy lieferte die staatenlose Juden in seinem Bereich, also
die noch nicht eingebürgerten, jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland
und die 1940 nach Südfrankreich abgeschobenen Juden an die Gestapo
aus. Für die meisten badischen Juden bedeutete dies Überstellung
nach Auschwitz und Tod. Dennoch überlebten sehr viel mehr
Gurs-Verschleppte die Verfolgungszeit als Juden, die später aus Baden
und Württemberg direkt nach dem Osten deportiert wurden.

Nach der Abschiebung vom 22. Oktober 1940, die allein 5617 badische
Juden betroffen hatte, befanden sich noch 820 Juden in Baden. Diese
teilten zum großen Teil das Schicksal der württembergischen Juden:
Sie wurden in den Jahren 1941 bis 1945 nach dem Osteni zwangs-
verschleppt und meist umgebracht.
Das Ende der nationalsozialististen Gewaltherrschaft erlebten in
Baden nur etwa 300 der 20 617 Juden, die bereits 1933 hier gewohnt
hatten                 .

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Ein Leidensweg: Hans Bernd Oppenheimer:
geboren am 4. Juli 1921 in Heidelberg, Landfriedstr. 14, wurde am
22. Oktober 1940 zusammen mit seinem Vater Leopold und seiner
Mutter nach Gurs deportiert, von wo man ihn im August 1942 in den
Osten nach Oberschlesien verschleppte. Bis April 1944 arbeitete er
in Ottmuht in der Schuhfabrika Bata. er befand sich nach Aussagen eines
französischen Mithäftlings unter den Arbeitssklaven des sogenannten
Todesmarsches, der Verlegung der Häflinge von Ausschwitz in das
Ausschwitz-Nebenlager Blechhammer, von wo er den Fußmarsch
nach Buchenwald mitmachen mußte. Er starb im März 1945 kurz vor
der Befreiung durch die Amerikaner an Entkräftung.
(entnommen aus: Verführt und verraten, Jugend im Nationalsozialismus, Kurpfälzisches Museum Heidelberg)