Feldwebel Anton Schmid
Um den Preis des Lebens: Die Rettung von Juden aus Wilna und die Hilfe
beim jüdischen Widerstand.
von Arno Lustiger

(Auszüge aus der FAZ, Ereignisse und Gestalten, 03.06.2000)

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"Jüngst, am 8. Mai, zum 55. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges,
ist die Heeresflugabwehr-Schule der Bundeswehr in Randsburg umbenannt
worden; sie heißt nun Feldwebel-Schmid-Kaserne. Verteidigungsminister
Rudolf Scharping sagte bei der Umbennenungsfeier: "Feldwebel Anton
Schmid hat Tapferkeit, Mut und Zivilcourage bewiesen... Mit der
Benennung dieser Kaserne verneigen wir uns vor den Leistungen eines
Mannes, der spontan und aus eigenem Antrieb viele Menschen vor dem
sicheren Tod bewahrt und dies mit seinem eigenem Leben bezahlt hat."
Der Minister beendete seine Ansprache mit den Worten: "Erzählen Sie
die Geschichte weiter, damit sich die Zeit, in der er leben musste und um-
kam, nie wiederholt."
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"Wer war der Mann, dessen Ruhmestagen bis heuto so wenigen Menschen
bekannt sind?....

Anton Schmid wurde am 9. Januar 1900 als Sohn eines Postbeamten in
Wien geboren. Ihm und seiner Frau gehörte seit 1928 ein Radiogeschäft
in Wien. Schmid gehörte keiner politischen Organisation an. Als
gläubiger Christ und guter, tapferer Mensch hat er 1938 einigen
jüdischen Bekannten zur Flucht ins Ausland verholfen. Nach Ausbruch
des Krieges wurde er eingezogen und diente als älterer Jahrgang in
rückwärtigen Einheiten des Heeres, zunächst in Polen und dann in den
eroberten Gebieten der Sowjetunion. Der umgängliche und organisatorisch
begabte Unteroffizier wurde vom Kommando seines Landesschützen-
Battaillons als Leiter der Versprengten-Sammelstelle der Wehrmacht
nach Wilma abkommandiert. Er hatte die Aufgabe, Soldaten, die aus
welchen Gründen auch immer, die Verbindung zur ihrem Truppenteil
verloren hatten, einzusammeln.
Seine Dienststelle befand sich im Wilnaer Bahnhof. Als Teil der
Besatzungsmacht hätte er, wie die meisten seiner Kameraden in Wilna,
fern der Front, ein sorgenloses, angenehmes Leben führen können."

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"Wilna, das 'Jerusalem Litauens', zählte seit Jahrhunderten zu den
bedeutendsten geistigen Zentren der Juden. Hier blühten jüdische
Wissenschaften, jiddische Kultur und Literatur. Neben den hoch geachteten
rabbinischen Hochschulen wirkten hier Verfechter der Aufklärung. In
Wilna wurde 1897 die bedeutendste jüdische sozialistische Partei der
Welt, 'Bund' genannt, gegründet...Wilna war Hochburg sowohl der Zionisten aller Schattierungen als auch der Bundisten. Die etwa 65 000
Juden stellten fast ein Drittel der Bevölkerung."....
"..fast alle Führer der zionistischen Jugendorganisationen Polens
hielten sich beim Kriegsausbruch 1941 dort auf. Es waren, und die
Liste ist nicht vollständig, Mordechaj Anielewicz, Arje Wilner,
Schlomo Entin, Jechiel Scheinbaum, Zvi Mersik, Chgaika Grossmann,
Tema Sznajdermann und Mordechaj Tenenmann. Sie alle nahmen später
an den jüdischen Aufständen als Führer teil und fielen im Kampf, nur
Chaika Grossmann hat überlegt."

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"Am 24. Juni 1941 wurde Wilna von der Wehrmacht besetzt. Bereits
darauf folgenden Tag begann der Leidensweg der Juden. Es wurden
Geiseln genommen und erschossen, die jüdischen Häftlinge des Lukiszki-
Gefängnisses wurden in den Wäldern ermordet. Seit dem 11. Juli wurde
Ponary, zwölf Kilometer von Wilna entfernt zum Schauplatz der Massen-
morde an den Juden Wilnas. Am 17. Juli wurden achthundert Juden von
Deutschen und von litauischen Milizen, die sich 'Ypatingas bursis', also
'spezielle Abteilungen', nannten, umgebracht....Vom 31. August bis zum
3. September 1941 folge eine weitere 'Aktion', bei der achthundert
Juden nach Ponary zum Erschießen geführt wurden als Vergeltung für
angebliche Feuerüberfälle auf deutsche Soldaten, die es gar nicht
gegeben hat. Vom September bis November 1941 wurden die Juden
Wilnas durch weitere Erschießungen in Ponary dezimiert. Bei der 'Aktion'
am 4. Oktober leisteten Juden Widerstand; viele wurden sofort erschossen,
einigen gelang die Flucht,  aber die meisten wurden unter
Gewaltanwendung ins Lukiszki-Gefängnis und von dort nach Ponary
zum Erschießen geführt.
Von den 65 000 Juden beim Einmarsch der Wehrmacht waren im Dezember
1941 nach einem halben Jahr, nur noch zwölftausend 'legale' Juden am
Leben. Sie mussten Zwangsarbeit in Betrieben der Kriegswirtschaft
leisten und bekamen gelbe Ausweisscheine als Beweis einer produktiven,
kriegswichtigen Tätigkeit....

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"Am 31. Dezember 1941 versammelten sich in der Suppenküche des
Ghettos, die sich in der Straszunia-Straße befand, 150 Aktivisten der
jüdischen Organisationen zu einer Gedenkveranstaltung für die
Ermordeten von Ponary.. Der Dichter und spätere Kommandant der
jüdischen Partisanen Abba Kovner verlas einen Aufruf zum Widerstand
in jiddischer Sprache, in welchem es am Ende heißt: 'Brüder, es ist
besser, als freie Kämpfer zu sterben, als von der Gnade der Mörder zu
leben. Leistet Widerstand bis zum letzten Atemzug.' Am 23. Januar
1942 wurde die 'Fareinikte Partisaner Organisazje', FPO, von Vertretern
aller politischen Richtungen im Ghetto gegründet."...
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"Feldwebel Schmid war in dieser schrecklichen Zeit über alles bestens
informiert. Seine eigenen Beobachtungen und Gefühle konnte er mit keinem
seiner Kameraden oder Vorgesetzten teilen. Wenn man Erzählungen und
Berichte über seine für ihn lebensgefährlichen Hilfsaktionen liest, muss
man sich wundern, wie er all das neben seinem regulären Dienst als
Leiter der Versprengten-Sammelstelle bewältigen konnte. Im Zeitraum von
wenigen Monaten, vom Spätsommer 1941 bis zum Januar 1942, hat er
unglaubliche Heldentaten vollbracht.
Er transportierte mit seinen Wehrmachts-Lastwagen, für die er selbst
Marschbefehle ausstellte, bis zu dreihundert Juden von Wilna nach
Woronowo, Grodno, Bialystok und Lida in Weißrussland. Denn dort
waren die Juden noch nicht wie in Wilna von der Vernichtung bedroht...
Schmid beschäftigte in den seiner Sammelstelle angeschlossenen Werk-
stätten 140 Handwerker, die er mit gelben Scheinen ausstattete, was sie und
ihre Familien vor Razzien schützte. Er versorgte sie mit Lebensmitteln.
Mehrmals hiolte er 'seine' Arbeiter aus dem Lukiszki-Gefängnis heraus"...

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"Anton Schmid hat sich historische Verdienste um den Aufbau der
jüdischen Widerstandsbewegung in Polen erworben. Dank Schmids
Hilfe konnte sich die Idee vom bewaffneten Widerstand, die in Wilna
geboren wurde, in anderen jüdischen Zentren, wie Warschau, Bialystok
und Bedzin, ausbreiten. Schmid transportierte Waffen und Duzende
von Widerstandskämpfern in andere Ghettos und sogar nach Warschau.
Die Verbindung zwischen den in den Ghettos eingepferchten Juden
Polens war äußerst schwer. Nur wer 'arisch' aussah, akzentfrei Polnisch
sprach, entsprechende Papiere und einen 'Durchlasschein besaß, mutig
und kaltblütig zugleich war, konnte eine Reise mit der Bahn wagen,
trotz der häufigen Kontrollen durch die SS, SD, Gestapo, Feldgendarmerie,
die litauischen Milizen und andere Organe. Große Gefahr, sowohl für die
Retter als auch für die Geretteten, ging auch von polnischen und
litauischen Denunzianten aus. Jüdidsche Männer waren wegen der
Beschneidung bei einer Kontrolle zusätzlichen, tödlichen Gefahren aus-
gesetzt.
Aus Gründen der Konspiration konnte Schmid nur mit wenigen Juden
Kontakt halten. Zu diesen zählte Mordechaj Tenenbaum, der geistiger
und militärischer Urheber der Konzeption vom bewaffneten Widerstand
in ganz Polen war. Er wurde Schmids Freund und Vertrauter. ...
Schmids Wohnung war Treffpunkt des jüdischen Widerstands. Dort
konnten sich Kuriere und Kurierinnen des Widerstandes von den
Strapazen und Gefahren ihrer Reisen erholen und neue Aufträge
entgegennehmen...
Im Dezember 1941 erklärte sich Schmid auf Tenenbaums Bitte bereit,
eine Delegation jüdischen Widerstands in Wilna mit seinem Lastwagen
nach Warschau zu bringen. ...Die Delegation nahm sofort Kontakt mit ihren
Genossen im Ghetto auf. Niemand von ihnen überlebte. Dank Antons
Schmids Hilfe sprang die Rebellion auf die anderen Ghettos über."

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"Anton Schmid wurde in der zweiten Januarhälfte 1942 verhaftet und in das
Militärgefängnis der Stefanska-Straße eingeliefert. Wie kam es dazu?
Als das Ghetto in Lida Ende 1941 errichtet wurde, fiel den Gestapo-
Beamten auf, dass dort viele Juden aus Wilna lebten. Mehrere von ihnen
wurden verhaftet und sagten unter Folter aus, wie sie aus Wilna nach Lida
kamen. Das Verfahren gehen Anton Schmid fand vor dem Kriegsgericht
der Feldkommandatur der Wehrmacht in Wilna am 25. Februar 1942 statt.
Der militärische Pflichtverteidiger wollte Schmids Kopf retten, indem er
behauptete, dass der Angeklagte die Juden transportierte, weil er
glaubte, dass sie von derWehrmacht als Arbeitskräfte gebrauchte würden.
Schmid verwarf diese Argumentation und bekannte sich ausdrücklich
dazu, dass er die Juden tranportierte, ums sie vor dem Tode zu retten.
Der Gericht verurteilte Feldwebel Anton Schmid zum Tode. Das Urteil
wurde am 13. April 1942 durch Erschießen vollstreckt....
Schmid wurde am Rande des Soldatenfriedhofs im Stadteil Antokol
begraben."

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"Kurz vor der Hinrichtung schrieb er seiner Frau Steffi und seiner Tochter
Gerta einen langen Brief, den der Pfarrer in Empfang nahm und
weiterleitete:
'...Es freut mich, daß ihr meine Lieben, gesund und alles bei Euch in
Ordnung ist. Ich kann Dir heute schon alles oder mein Schicksal, das
mich ereilte mitteilen...Es ist leider so, bin zum Tode verurteilt vom
Kriegsgericht in Wilna...Man kann nichts dagegen machen als ein
Gnadengesuch, glaube aber daß es abgewiesen wird, da bis jetzt
alle abgewiesen wurden. Aber meine Lieben, darum Kopf hoch. Ich
habe mich damit abgefunden und das Schicksal wollte es so. Es ist oben
von unserem lieben Gotte bestimmt, daran läßt sich nichts ändern. Ich
bin heute ruhig, daß ich es selber nicht glauben kann, aber unser lieber
Gott hat es so gewollt und mich stark gemacht. Hoffe, daß Er Euch
ebenso stark macht wie mich.
Will Dir noch mitteilen, wie das Ganze kam. Hier waren sehr viele
Juden, die vom Litauischen Militär zusammengetrieben und auf einer
Wiese außerhalb derStadt erschossen wurden, immer so 2-3000 Menschen.
Die Kinder haben sie auf dem Wege gleich an die Bäume angeschlagen
usw. kannst Dir ja denken. Ich mußte, was ich nicht wollte, die
Versprengtenstelle übernehmen, wo 140 Juden arbeiteten. Die baten
mich, ich soll sie von hier wegbringen. Da ließ ich mich überreden.
Du weißt ja, wie mir ist, mit meinem weichen Herzen. Ich konnte
nicht denken, und half ihnen, was schlecht war, von Gerichts wegen.
Denk Dir, meine liebe Steffi und Gerta, daß es ein harter Schlag ist für
uns, aber bitte, bitte verzeiht mir. Ich habe nur als Mensch gehandelt
und wollte ja niemanden wehtun.
Wenn Ihr, meine Lieben, das Schreiben in Euren Händen habt, dann
bin ich nicht mehr auf Erden. Werde Euch auch nicht mehr schreiben
können, aber seid sicher, daß wir uns wiedersehen in einer besseren
Welt bei unserem lieben Gott.'

Schmid hat in dem Brief die Morde an den Juden dem 'Litauischen
Militär' zugeschrieben, dass es gar nicht gab. Er konnte die SS-Mörder
nicht beim Namen nennen, weil die Zensur diesen Brief sonst
vernichtet hätte."

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"Schmids Witwe erzählte nach dem Kriege, dass sie von den Zeit-
genossen in Wien viel auszustehen hatte, als bekannt wurde, dass
ihr Mann hingerichtet wurde. Mehrere Nachbarn beschimpften Schmid
als Landesverräter, schlugen ihre Fenster ein und verbrannten viele
Briefe, darunter die von ihrem Mann.
Obwohl im Bulletin von Yad Vashem ein ausführlicher Bericht über die
Heldentaten von Schmid bereits im Juli 1953 erschienen ist, hat es
über fünfundzwanzig Jahre seit seinem Tode gedauert, bis der Witwe
von Anton Schmid imMai 1967 die Plakette und Ehrenurkunde der
'Gerechten der Völker' in Wien überreicht wurde.