Interview mit Frau Schwob
- ein Auszug-

 

Soll ich erzählen, wie ich die Schule (das Realgymnasium in Schwetzingen) in der Nazizeit erlebt habe?

Wir vernahmen 1933 durch das Radio, dass Hitler an die Macht gekommen ist und wussten sofort: für uns Juden wird das schlimm werden. - In der Schule geschah vorerst nichts besonderes, bis eines Tages ein neuer Direktor kam, und ein Lehrer, der nicht in der S:A: war, entlassen wurde. Unser junger Geschichtslehrer sprach über vergangene Schlachten und sagte wörtlich folgendes, was ich nie vergessen werde: :“Wie herrlich ist es in einer Schlacht, wenn das Blut spritzt!“ Ist das nicht unglaublich? Die Aufsatzthemen in Deutsch waren „Blut und Boden“ oder „Warum Hitler die Jugend braucht“ etc. Der Französischlehrer hieß von Reiche, war also ein Adliger. Er kam in S.A-Uniform, war aber trotzdem ein feiner Mensch. Warum, werdet ihr gleich verstehen. Als ich eines Tages, wie gewohnt ins Klassenzimmer kam, wollte sich niemand neben mich setzen. Ich kam mir vor wie eine Aussätzige. Da stellte sich von Reiche vor die Klasse und sagte: „Alle gegen eine, das ist feige!“ Dies nützte jedoch nichts, denn da war eine Schülerin, die schon lange im „Bund deutscher Mädchen“/BDM war, die alle beeinflusst und verängstigt hatte mit der Drohung „Wenn Ihr euch  neben die Jüdin setzt, verliert euer Vater seine Stelle.“

Der Vater meiner besten Freundin war Zeichenlehrer in Plankstadt. Auch sie hatte Angst und getraute sich nicht mehr, mich, wie gewohnt, von zu Hause abzuholen. Für mich als junges Mädchen war das sehr bedrückend, keine Freundin mehr zu haben. Trotzdem ging ich weiter zur Schule, konnte aber kaum mehr essen und fand keinen Schlaf mehr. Meine Eltern befürchteten, ich würde krank und beschlossen, mich aus der Schule zu nehmen. Damals war ich in der Obertertia, das heißt im 9. Schuljahr. Im Abschlusszeugnis hatte ich in Deutsch eine 3, obwohl ich in Grammatik immer die besten Noten hatte. Mit den nationalsozialistischen Aufsatzthemen konnte ich natürlich nichts anfangen. Ende des Jahres wurden immer die besten Zeichnungen ausgestellt. Ich erfuhr später, dass nach meinem Austritt aus der Schule auch  von mir Zeichnungen an der Ausstellung waren, jedoch mein Name ausgelöscht und durch einen andern ersetzt worden war. 

Nachdem ich nun aus der Schule war, beschlossen meine Eltern, schweren Herzens, mich ins Ausland zu schicken. So kam ich nach Lausanne in ein Mädchenpensionat, wo ich mir die französische Sprache aneignete. Nach einem Jahr zog ich zu einer Tante nach Paris und versuchte dort den Eintritt ins Gymnasium zu schaffen, was mir jedoch nicht gelang, da das Lehrprogramm in Frankreich ganz verschieden von dem in Deutschland war. Da mich Malerei schon immer interessiert hatte, schrieb ich mich für die Examen der Kunstgewerbeschule (Ecole municipale de dessin et d`arts appliqués) ein und wurde aufgenommen. So kam es, dass ich später Malerin geworden bin

Antwortschreiben von Frau Schwob am 16.06.01

" Bis lange nach meines Vaters Tod im Jahre l949, blieb mir von Deutschland nur die hässliche Erinnerung, über die man lieber gar nicht sprach und die man vom Gedächtnis auszulöschen versuchte. Und dann wurde mir das Glück zuteil, Deutsche der jüngeren Generation zu erleben, durch welche für mein Geburtsland fast wieder so etwas wie ein Heimatgefühl aufkommt. Jedenfalls sind wir, meine Tochter und ich, seit dem Besuch in Ihrer  Schule und bei unsren lieben Freunden Beisel wieder um eine schöne Erinnerung reicher. Ihr alle brachte uns Sympathie und Wärme entgegen, und dafür danken wir Euch“