Rede von Marianne Weil-Sekulow am 24.04.2009 in der Realschule Waibstadt


Guten Abend und vielen Dank für Ihre freundliche Vorstellung,

Ich möchte mich beim stellenvertretenden Bürgermeister der Stadt Waibstadt, Herrn Henrich und
beim Rektor der Realschule Waibstadt, Herrn Sauer, bedanken. Mein besonderer Dank gilt dem
Projektteam von Imke Köster, Katja Häffner und unserem lieben Freund Siegfried Bastl. Sie alle haben
so gewissenhaft daran gearbeitet, dass dieses historische Ereignis Wirklichkeit werden konnte.

Die Aufgabe die Geschichte der einst blühenden jüdischen Gemeinschaft wiederzubeleben, ist ein
bedeutender Schritt das Unrecht, das während der 12 Jahre des Dritten Reiches begangen worden war, wieder gut zu machen. Kein anderes Land hat so viel dafür getan, die ganze Wahrheit über das Unrecht in den Blickpunkt der Weltgeschichte zu bringen, wie Deutschland. Kein anderes Land hat es gewagt, der eigenen Vergangenheit so ins Gesicht zu schauen; keinem anderen Land ist es gelungen, seine schändliche Vergangenheit einzugestehen. Es ist dieser Umgang mit der Wahrheit, der den Deutschen Respekt und Versöhnung gebracht hat. Es ist diese Wahrheitsliebe und dieser Wille zur Versöhnung, die mich hierher gebracht haben, um in aller Öffentlichkeit zu sagen, dass es mich mit Stolz erfüllt, Deutsche zu sein. Ich weiß, dass wir die Vergangenheit niemals vergessen dürfen, und ich bin nicht hierher gekommen, um die Vergangenheit zu vergeben, aber ich kann mit ehrlichem Gewissen sagen, dass ich [die Schrecken der Vergangenheit] überwunden habe. Sie haben sich dazu entschlossen, die jüdische Geschichte Deutschlands aufzuarbeiten, indem Sie der dunklen Vergangenheit ins Auge blicken. Es ist diese Aufrichtigkeit, die zukünftige Generationen von der Schuld befreit, die sie sonst verfolgen würde. Es sind nun schon fast 70 Jahre vergangen, seit meine Familie und ich den Verfolgungen durch das Dritte Reich entflohen sind. Ich war 6 Jahre alt, und mein Vater hatte sich noch nicht von den Folgen seiner 6-monatigen Haft in Dachau erholt. Wir verbrachten mehr als ein Jahr als Gefangene in unserem Zuhause, während wir auf Visa warteten, damit wir vor den unsagbaren Verbrechen fliehen könnten, die schon bald darauf an der jüdischen Gemeinschaft begangen wurden. Wir hatten keine Ahnung von den Alpträumen, die über Europa kommen sollten. Vor 1938 hatte mein Vater nicht daran gedacht, Steinsfurt zu verlassen. Steinsfurt war sein Zuhause und seit über 200 Jahren die Heimat seiner Vorfahren. Steinsfurt war der Ort, an dem meine Familie lebte und sich an dem erfreute, was Deutschland lebenswert machte. Es war ein Leben, das erfüllt war mit dem Stolz Deutscher und Teil eines Landes zu sein, ein Land das wundervolle Musik, schöpferisches Theater, Schriftsteller, Dichter und eine zivilisierte Gesellschaft hervorbrachte. Es war das Land, für das meine Vorfahren im 1. Weltkrieg für den Kaiser kämpften. Es war das Land, das als Heimat in unserer Seele bleiben sollte.

Meine Mutter war die Tochter von Hannah und Adolph Eichtersheimer, die von Ittlingen nach Steinsfurt kamen, um ein Geschäft für Baumaterial zu eröffnen. Mein Großvater Eichtersheimer baute für seine Familie ein schönes Haus in der Bahnhofstraße. Dieses Haus ist noch heute eines der prächtigsten Häuser Steinsfurts. Mein Vater, der Sohn von Mathilde und Joseph Weil, war stolz auf den Besitz seiner Familie in der Hautstraße 21. Hier führte mein Vater den Familienbetrieb weiter, indem er Vieh züchtete und Ackerbau betrieb. Hier gründeten er und meine Mutter eine Familie und er glaubte im Kreise der Familie Weil für immer hier leben zu können. In diesem Haus, wurde ich 1933 geboren wurde, aber dies war auch das Jahr, in dem die Nationalsozialisten an die Macht kamen, die schließlich das unabdingbare Ende der Weil-Familie in Deutschland brachten.

Als sich die Familie in den USA niederließ, gerieten wir in existentielle Not, so dass bei meinem Vater nur schwer das Gefühl von persönlicher Freiheit aufkam. Hinzu kam, dass er unter der Furcht und Angst litt, die ihn nach seiner Inhaftierung in Dachau zu überwältigen drohte. Seine Ängste hielten ihn davon ab, jemals nach Deutschland zurückzukehren, um sein Heimatland zu besuchen. Er starb ohne je zu vergeben oder zu vergessen. Aber die Zeit hat für mich gearbeitet.

Während der letzten 10 Jahre hat Deutschland den Weg der Teshuva eingeschlagen. Das hebräische Wort Teshuva bezeichnet die Hinwendung zum Guten verbunden mit gleichzeitiger Reue. Ich bin Krankenschwester, und als solche kann ich Ihnen sagen, dass eine Wunde nur vollständig  heilen kann, wenn man sie öffnet und reinigt. Deutschland reinigt die tiefen Wunden, die ihm das Dritte Reich zugefügt hat: Es legt seine Seele offen, so dass sie jeder sehen kann. Deutschland setzt hohe Maßstäbe, zur Bewältigung der Vergangenheit. Deutschland hat in seinem Herzen, in Berlin, ein Mahnmal für die ermordeten Juden Europas errichtet. Es gesteht aus seinem freiem Willen der ganzen Welt das Unrecht ein, das [an den Juden] verübt wurde. Es erfüllt mit einem tiefsinnigen Mahnmal und einem von Herzen kommenden Schuldbekenntnis die Voraussetzung für Versöhnung, so wie es jedem Juden am Versöhnungstag, Yom Kippur, aufgetragen ist -  einem Schuldbekenntnis, das durch die ganze Welt wahrgenommen werden kann. Mehr können wir nicht verlangen.

Für alles was Sie geleistet haben und an diesem 10. Jahrestag Ihres außergewöhnlichen Projekts “Judentum im Kraichgau” immer noch bewirken, möchten wir Ihnen unsere tief empfundene Dankbarkeit aussprechen. Danke.

Übersetzung: Marion Gutman