15.06.00
Lieber Herr Zimmermann
Erst einmal möchte ich ein großes Lob aussprechen! Ich finde es grandios,
dass Sie Ihre lebendige Geschichte an unsere Generation weitervermitteln.
Früher dachte ich immer, wie verrückt die Menschen damals waren, doch nach
dem ich das Buch die Welle gelesen habe, sehe ich das alles in einem anderen
Licht. Es ist erschreckend, wie man Macht durch Disziplin, Handel und Gehorsam
aufbauen kann. Ihre Geschichte bewegt mich immer wieder, wenn ich sie höre!
ich hatte das Glück, dass sie an unserer Schule zwei Vorträge hielten, denen
ich beiwohnte. Ihr Buch hat mir auch sehr gut gefallen, es wäre toll, wenn Sie noch
weitere Bücher schreiben würden! Ich muss  ehrlich gestehen, dass ich das alles
nicht so gut verarbeitet hatte. Der Verlust von Freunden (insbesondere Edith) und
die Gräueltaten, die Sie mit ansehen
mussten. Wie kann man so etwas überhaupt
verarbeiten? Ich habe sehr viel Hass empfunden und empfinde in immer noch, wenn
ich mich mit dem 2. Weltkrieg befasse. Und ich glaube, dass die, die Ihre Geschichte
bewegt, dass diese Menschen sich trotzdem schuldig fühlen und wenn es nur ein
bisschen ist. Ich fühle mich auch etwas schuldig, obwohl ich damals noch gar nicht
geboren war, geschweige denn meine Mutter. Aber so ein Krieg (glaube ich) könnte
jederzeit wieder ausbrechen - überall.
Jedenfalls finde ich es toll, dass Sie uns Einblick in Ihr Leben ermöglichen. Sie
können sehr stolz auf Ihre Familie sein! Auf Ihre Eltern, die Sie durchboxten,
sowie Ihre Geschwister, Ihre Kinder, die Rosalie suchten und fanden. Jetzt
können Sie glücklich alt werden, aber ich bin mir sicher, dass Sie eigentlich
immer jung bleiben. Ich bin ein offener Mensch und sage oft, eigentlich fast immer
was ich denke (hat Vor- und Nachteile) und ich muss gestehen, dass ich Sie sofort
in mein Herz geschlossen habe. Ich werde Sie und Ihre Geschichte bestimmt nie
vergessen und ich kann meinen Kindern erzählen, dass ich Zeuge eines Zeugen
und Überlebenden des 2. Weltkrieges getroffen haben. Darauf bin ich stolz.
In diesem Krieg gab es viele kleine Helden, deren Namen wir nicht wissen,
aber man sollte stolz sein, dass es doch noch Menschen gibt!
In Ihrer Geschichte gibt es viele dieser kleinen Helden, obwohl jeder eigentlich
als großer Held angesehen werden kann. Ich mir sicher, dass Sie diese Menschen
auch besonders in Ihr Gebet einschließen werden.
Es gibt ein wundervolles Zitat aus dem Film Schindlers Liste. Herr Stern hat das
glaube ich in dem Film gesagt: "Wer ein Menschenleben redet, rettet die ganze
Welt." Ich persönlich bin ein sehr gefühlsduseliger Mensch (das habe ich von
meiner Mutter) und mich hat dieser Satz unheimlich mitgenommen. Es ist
einer der schönsten Sätze, die ich in meinem noch kurzen Leben gehört habe mit
ich liebe dich natürlich.
Vielleicht haben Sie ja Lust noch ein Buch zu schreiben. Ich jedenfalls würde mich
sehr freuen und ermutige Sie hiermit noch eines zu schreiben.
Natürlich möchte ich Ihnen und Ihrer Frau alles Gute und die besten Wünsche
für eine glückliche und schöne Zukunft wünschen, zu Ihrer goldenen Hochzeit,
die glaube ich am 24. Julie ist.
Zum Schluss möchte ich mich noch vorstellen. Ich war eine Zuhörerin des
W.H.Gymnasiums, die bei Ihrem 1. Vortrag an unserer Schule als
einziges Mädchen aufstand und mich auf pariserart mich von Ihnen verabschiedete.
An Ihrem 2. Vortrag habe ich den Brief einer 10jährigen vorgelesen, die in einem
Lager ermordet worden war, kurz nachdem sie diesen Brief an Gott geschrieben
hatte. Ich hoffe, Sie können sich an mich erinnern, ich jedenfalls werde mich noch
lange an Sie erinnern.
Mit den besten Wünschen
Ihre E.
Ich glaube, so hieß auch die Frau von O. Schindler.