bildzz1.jpg (113880 Byte)
Ein Artikel aus der Rhein-Neckar-Zeitung/Nr 93 vom 20./21. April 2000


Vollständige Wiedergabe des obigen Textes:

Die Post kam aus New York, Paris, Tel Aviv und London, und der Tenor war durchweg begeistert. Die Freude der ehemaligen jüdischen Bürger
Heidelbergs galt dem Projekt "Begegnung". Der Förderverein, den unter
anderem Oberbürgermeisterin Beate Weber als Gründungsmitglied ins
Leben rief, hat nämlich als Ziel, den Draht zu den rund 120 betagten
jüdischen Männern und Frauen in aller Welt, deren Heimat Heidelberg
war, nicht abreißen zu lassen. "Die Resonanz war beeindruckend", freut
sich Vorstand Konrad Müller. Entstanden ist die Idee im Jahr 1996, als
die früheren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger in Heidelberg zu
Besuch waren.
"Dieser Besuch erinnerte an die unselige Zeit unserer Stadtgeschichte
während des Nationalsozialismus, besonders tragisch an die Deportation
der Heidelberger Juden in das Konzentrationslager Gurs im Jahr 1940",
sagt Müller. Aus der persönlichen Begegnung mit den Überlebenden des
Holocaust ergab sich der Wunsch nach nicht nur auf die wenigen Tage
des Besuches beschränkten Kontakten und Verbindungen. Erste Gespräche
mit "ehemaligen Heidelbergern" in Tel Aviv und Heidelberg zeigten denn
auch eine rundum positive Resonanz.
Ende 1999 war "das Kind" dann geboren, und seit März 2000 ist der
Förderkreis nun auch ins Vereinsregister eingetragen. Als Vereinszweck
hat er sich nicht nur gesetzt, den ständigen Kontakt mit den ehemaligen
Mitbürgern zu halten und Bürgerreisen nach Israel zu organisieren, sondern
auch in Heidelberg Veranstaltungen, Vortragsreihen und Projekte zu
unterstützen, die zu einem besseren geschichtlichen Verständnis führen
sollen. Geplant ist überdies, den jüdischen Freunden bei Reisen in ihre
alte Heimat zur Seite zu stehen.
Außerdem, so verrät Konrad Müller, ist eine in Deutschland bislang
einmalige Sache vorgesehen. Er möchte Heidelberger Bürger dafür
gewinnen, die Gräber von Angehörigen der ehemaligen Heidelberger
jüdischen Glaubens zu pflegen. Diese Grabpatenschaften, so vermutet
Konrad Müller, nehmen nicht nur vielen betagten Menschen in aller
Welt eine schlimme Last von der Seele, sondern veranlassen auch die
Paten, sich mit der Familiengeschichte und den Schicksalen der jüdischen
Heidelberger während des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen.
Das wäre auch für den ehemaligen Rektor der Jüdischen Hochschule,
Julius Carlebach, der zwischenzeitlich mit seiner Frau wieder in England
lebt, eine Sorge weniger. Albert Carlebach war der letzte seiner Familie,
der in Heidelberg geboren wurde und dort auch starb. Überlebt hat er das
Konzentrationslager Gurs, als er nach 1945 in die Kurpfalz zurückkehrte.
Bis 1954 lebte er noch einsam und krank in seiner Heimatstadt, bevor er
starb und auf dem Bergfriedhof begraben wurde.
Auch der Großvater von Max Rubinstein, dem zwischenzeitlich 84-jährigen
Weggefährten Ben Gurions, ist auf dem Bergfriedhof begraben. Der
Heidelberger, der in der Großen Mantelgasse wohnte und einen Schuster-
laden an der Heiliggeistkirche hatte, wurde einen Tag vor seiner Abreise
nach Palästina am Marstall von einem Laster überfahren und getötet.
Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem jüdischen Friedhof.
"Ich bin von den Aufgaben, die Ihr Euch aufbürdet, beeindruckt", schreibt
Rubinstein an Konrad Müller. Auch Robert Marx, der heute in Schorndorf
lebt, findet es bewundernswert, dass Leute, die gar keine Verantwortung
für die schrecklichen Geschehnisse während des "Dritten Reiches" tragen,
sich intensiv damit befassen.
Überhaupt, so Konrad Müller, hat sich im letzten Vierteljahrhundert, so
lange gehen die Beziehungen schon, einiges verändert. Während damals
bei vielen verständlicherweise noch eine gewisse Distanz zu deutscher
Kultur und Sprache vorherrschte, bedauern zwischenzeitlich viele, dass
ihre Kinder und Nachfahren keinen Kontakt zu ihren Wurzeln haben.
"Das Verhältnis ist freundschaftlicher und herzlicher geworden", hat
Müller bemerkt.
Auch das zunehmende Alter, der Älteste ist 94 Jahre, der Jüngste 71 Jahre
alt, führt dazu, "dass vieles jetzt ins Innere geht." Die Kindheit, Jugend und
Studienzeit, die sie in der Kurzpfalz verbracht haben, kehren nun wieder
in ihr Gedächtnis zurück. Auch deshalb plant der Förderkreis, die
ehemaligen jüdischen Bürger im nächsten Jahr wieder nach Heidelberg
einzuladen. Wenn es finanziell zu bewerkstelligen ist, sollen sie dieses
Mal auch zwei Kinder oder Enkel mitbringen können.  Außerdem ist
vorgesehen, gemeinsam mit der Filmhochschule München einen
Dokumentarfilm über den Nationalsozialismus und die Judenverfolgung
in Heidelberg zu drehen und ihn den Menschen dann als Kassette zu
schenken.
Es sind schon beeindruckende Menschen, die Heidelberg durch die
Judenverfolgung der Nazis als Einwohner verlor. Da ist zum Beispiel
Liesel Levin, die früher Sekretärin bei den  Schlossfestspielen war und
all die Schauspielergrößen der zwanziger Jahre noch erlebt hat, oder
die Frau von Hugo Bornstein, die mit ihren vier Töchtern während des
Krieges von einer Heidelberger Familie in einer Gartenhütte am
Philosphenweg versteckt wurde.
Noch ist vieles aufzuarbeiten, das weiß auch Konrad Müller. Das nun
anzupacken, hat der Förderkreis Begegnung sich fest vorgenommen.
Nähere Informationen unter der Telefonnummer 06221/3861160 oder
06227/51673