Interview eines (nichtjüdischen) Heidelberger Zeitzeugen

(das Interview wurde am 08.12.1994 von Stefan Klinga und Imke Köster
durchgeführt.

Auszugsweise entnommen aus:
verführt und verraten - Jugend im Nationalsozialismus
Ausstellungskatalog für das Kurpfälzische Museum der Stadt Heidelberg.

"Am 6. Mai 1928 wurde ich in Heidelberg geboren und 1934 eingeschult.
Das 3. Reich hatte gerade angefangen...

Als ich in die Schule kam, war ich sechs. Mit 10 Jahren sind wir zum
Jungvolk gekommen. Hierzu gab es aber noch eine Vorstufe, das waren
die Pimpfe. Man konnte also schon mit 7 oder 8 Jahren dabei sein. Das
war organisiert, die trafen sich Mittwoch nachmittag, einmal in der Woche,
und da wurde man hingeschickt oder von der Schule aus hieß es, da geht
ihr hin. Aber das war freiwillig. Man sagte uns, wir sollten dorthin gehen,
da würden wir Lieder lernen und Lagerfeuer machen. Dahinter steckte
der Gedanke, uns von der Straße zu holen.Wenn man sich bei den Pimpfen
auszeichnete, durfte man ein braunes Hemd tragen, so fing das an.

In der Schule wurde uns ganz bewußt gemacht, daß wir jetzt in einer
neuen Zeit leben, in der es uns allen besser gehen wird. Hitler sorgt
für Arbeit und Brot. Die Arbeitslosen sind weg, sowie die Kommunisten
und Juden. Mit den Juden fing es sehr bald an. Ich erinnere mich daran,
daß mein Vater schon 1934 von der NS Hago gesagt bekam, daß er mit
anderen zum Rothschild, dem heutigen Kaufhaus Kraus, gehen sollte,
um sich dort vor die Schaufenster zu stellen, um den Leuten zu sagen,
daß sie hier nicht mehr einkaufen sollten. Meinen Vater war das an und für
sich nicht recht, denn er hatte nichts gehen die Leute...

Wenn die Juden in die Synagoge gingen, haben die Buben über die Straße
einen dünnen Draht gespannt, wo gerade die Hüte heranreichten. Dann
haben die immer die Hüte verlorgen, weil die den Draht nicht gesehen
haben, das waren aber Jugendstreiche, das ging nicht direkt gegen die
Juden...

Ich erinnere mich an die Reichskristallnacht im November 1938. Da
war ich alt genug. Ich war aufgeregt, daß die SA Schaufensterscheiben
einschmiß, Möbel auf die Straße warf oder Häuser anbrennen durfte,
alles Dinge, die normalerweise verboten waren. Da die
Philipp-Lenard-Schule in der Kettengasse zu klein geworden war, gingen
die Anfangsklassen in Handschuhsheim in die Schule. Da fuhr ich jeden
Morgen mit der Straßenbahn in die Keplerstraße. Als wir mit der
Straßenbahn morgens um 7.30 Uhr an der Großen Mantelgasse vorbei-
fuhren, brannte es dort. Diese Eindrücke brachte ich alle mit in die
Schule. Hier wurde es propagandistisch erläutert, aus welchem Grund
das der Volkszorn war. Wir wußten aber genau, das dies die alten
Rabauken waren, die in den Wirtshäusern immer Krach gemacht haben.
Die sind mit derAxt rummarschiert und haben die Wohnungseinrichtungen
zerstört. Uns wurde erklärt, daß die Erschießung eines deutschen
Gesandtschaftsataches durch einen Juden in Paris der Auslöser war.
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Brand der "Altstadtsynagoge" in der Großen Mantelgasse in Heidelberg,
10. November 1938.


Der Abtransport der Juden wurde in der Schule nicht thematisiert. Es
ist uns natürlich immer wieder gesagt worden, unter anderem im
Geschichtsunterricht, der entsprechend aufgebaut war, daß die Juden
unser Unglück sind. Es ist immer wieder darauf  hingewiesen worden,
daß schon die Kaiser die Juden vertrieben haben.

Die Schullandheimaufenthalte gingen immer 14 Tage. Unsere Schule
hatte ein Landschulheim im Odenwald. Da war ein großer Schlafsaal
mit Doppelstockbetten, in den Strohsäcke lagen. Hier haben wir das
Bettenmachen gelernt. Im Landschulheim wurde viel Sport getrieben,
aber auch regulärer Unterricht erteilt. Nachmittags war Schulung,
in der wieder die Geschichten aus Hitlers Leben oder ähnliche Themen
behandelt wurden.