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Interview eines (nichtjüdischen)  Zeitzeugen aus Daisbach

(Oktober 1999)

L. G   wurde im Jahre 1926 geboren.
Sein berufliches Leben verbrachte er als Landwirt in Daisbach.
Im Mittelpunkt des Interviews standen seinen Beobachtungen in
Daisbach und der näheren Umgebung zur Zeit des "Dritten Reiches".
Abtransport jüdischer Bürger nach Gurs
Eine Haushaltsauflösung in Sinsheim
Einzelne helfen den jüdischen Bürgern
Das Schicksal der Synagoge in Neidenstein
 

 

 

 

 

Abtransport jüdischer Bürger
.
(Oktober 1940)

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Berichtet wurde von dem Abtransport der Juden in der Nachbargemeinde
Neidenstein.
"Als die Juden abtransportiert worden sind, war auch die
Familie Dürrheimer dabei. Die wohnten gegenüber dem Gasthaus Sonne.
Ein Junge hat den alten Leuten ihr Gepäck getragen. Und wie er zurück-
gegangen ist, hat ihn ein Nachbar getreten.
Die Juden sind angeblich fortgekommen, umgesiedelt nach Südfrankreich. Dass sie natürlich nicht umgesiedelt wurden, war schon jedem klar. Dass sie aber in Vernichtungslager kamen, war niemand bekannt. Der Name KZ war nicht geläufig. Bei uns war es Dachau. Man sagte? 'Du kommst nach Dachau.' "
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Eine Haushaltsauflösung in Sinsheim(1936/37)

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"Der Vorgänger vom jetzigen 'Hütter' (ein Geschäft in Sinsheim) war der
Scherer und vom Kern war es der Seligmann. Beim Seligmann haben wir
zum Teil unsere Möbel gekauft für das damals neugebaute Haus. Geld
haben wir auch nicht viel gehabt. Das war die Gelegenheit. Seligmann
hat seine Haushaltsauflösung gemacht. Seine Kinder waren ausgewandert.
Der Sohn und die Tochter waren fort und die Alten waren noch alleine.
Als wir die Möbel gekauft haben war das im Winter 1936/37. Das ist
mir deshalb so gut in Erinnerung, weil ich dabei war als wir sie geholt
haben. Mit dem Pferdefuhrwerk, mit dem Heuwagen. Da hat man den
Kram draufgebracht. Das war alles sperrig. Wir haben auch noch
verschiedene Textilsachen mitgenommen, unter anderem auch die Schlaf-
decke. Meine Mutter fragte Herrn Seligmann: 'Ach, warum haben Sie
mir das so billig gegeben.?" Dann hatte er gesagt: 'Frau G, man muß Haare
lassen'. Das hat mich beindruckt.
Am nächsten Tag in der Schule hat der Lehrer dann darüber
gesprochen, daß es immer noch Leute gibt, die beim Juden kaufen.
Es wurde uns immer wieder eingetrichtert: 'Juden sind unser Unglück' "
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Einzelne helfen jüdischen Bürgern.
(in der Gemeinde Neidenstein)

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"Die Juden bekamen an Lebensmittelkarten nur die Hälfte zugeteilt.
Die haben alle Hunger gelitten. Dann haben einige Neidensteiner Familien
im Gasthaus zum Adler über den damaligen Wirt Essenspenden abgegeben:
Eine Tüte voll Mehl, ein paar Eier oder ein bißchen Schmalz.
Das waren Nacht- u. Nebelaktionen. Wenn der Sonnenwirt gewußt hätte,
dass der Adlerwirt den Juden zu essen gibt, wäre er fort gewesen.
K. T. hat mir gestern gezählt, dass er vom Jungvolkdienst ausgeschlossen wurde, weil er mit den Juden sympathisiert hat. Er hat einem älteren Juden Holz geholt, auch dem Dürrheimer. Das ist herausgekommen. Dann haben sie ihn Judenbüble genannt."
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Das Schicksal der Synagoge in Neidenstein.
(1938-39)

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"In der Synagoge war ich nie drin. Sie wurde teilweise abgerissen,
nachdem sie zerstört war. K.W., er lebt schon lange nicht
mehr, war sehr beengt und machte eben daraus einen Kuhlstall.
Im Moment steht das Gebäude leer.Gleich danach haben wir unseren
Schopfen gebaut, den Tabakschopfen. Da brauchten wir Steine zum
Fundament mauern. Da hat der K, der mit meinem Vater gut bekannt
war, gesagt, bei mir kannst du Steine holen. Eben von der Synagoge:
Roten Sandstein. Behauene, schöne, grobe Steine. Und dann haben wir
die Steine geholt und sie in die Fundamente vermauert. Ich weiß noch
wie mich mein Vater mit dem Fahrrad hinuntergeschickt hat. 'Geh
runter und bezahl die Steine'. Pro Wagen hat K.W. 15 Mark verlangt.
Zwei Wagen waren es. Er war schließlich auch mit ingesamt 15 DM
zufrieden. Mein Onkel sagte mir später: 'Da haben sie die Synagoge
abgerissen. Die müssen die Steine noch auf dem Buckel hintragen, dass
sie wieder aufgemauert wird.' "